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Laufberichte

„Wintermärchen“ statt Gipfelglück

29.06.13

Wer kennt noch "Dolomiti"? Jenes quietsch-rot-grün-weiße Eis am Stiel mit den wilden Zacken aus den 80er-Jahren. Geradezu eine Legende ist es geworden, was jedoch nicht verhinderte, dass es trotz Protesten aus der Eislutschergemeinde und einem zwischenzeitlichen Revival aus den Eistruhen verschwunden ist. Aber warum erzähle ich das eigentlich? Wegen der Zacken. Denn sie symbolisieren das Bild, das wir von jenem Südtiroler Gebirgsstock haben, der dem Eis seinen Namen geliehen hat: schroff, unnahbar, faszinierend. Und vor allem: zackig.

Für mich waren die Dolomiten schon immer etwas ganz Besonderes, so etwas wie der Inbegriff einer perfekten Berglandschaft. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mir als Kind - mit meinen Eltern auf dem Weg an die Adria - die Nase an der Autoscheibe plattgedrückt habe, als vor meinen staunenden Augen die wilden Gebirgsstöcke entlang der "Großen Dolomitenstraße" vorbei zogen. Später habe ich diese Eindrücke mit ein paar wundervollen Bergtouren vertieft. Im Alter, nun beim Marathon angekommen, habe ich mich allerdings lange gefragt, warum in der Schweiz ein erfolgreicher Bergmarathon nach dem anderen aus dem Boden schießt, in den Dolomiten, wo die Berge so schön wie nirgendwo sind, aber nichts passiert.

Das Warten hat ein Ende. In Brixen hat man die Zeichen der Zeit erkannt und richtet seit 2010 einen Bergmarathon auf Brixens Hausberg, die Plose, aus. Eher sanft gerundet entspricht die  Plose selbst zwar optisch gar nicht dem Dolomitenimage, ermöglicht aber ein Gipfelerlebnis, was beim Belaufen eines der Bergzacken in der Umgebung kaum möglich wäre. 

 
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Die stetig steigenden Teilnehmerzahlen zeigen: Das war eine gute Entscheidung. Immerhin 450 haben sich zur vierten Austragung 2013 für die Volldistanz angemeldet, dazu 220 für die 4er-Staffel, wieder mal Rekord. Die scheinbar harmlose Optik der Plose sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass der Lauf nichts für Einsteiger und Zartbesaitete ist: Bei 560 m üNN wird gestartet, bis zum Gipfel des Monte Telegrafo auf 2.486 m üNN geht es hinauf. Insgesamt ist eine Höhendifferenz von + 2.340 Metern zu bewältigen. Und: Die Anstiege sind zwar meist gar nicht mal steil, aber laaaang. Damit ist der Brixen Dolomiten Marathon einer der anspruchsvollsten seiner Zunft. Immerhin acht Stunden hat man dafür Zeit.

So ist es zumindest geplant, wenn alles normal läuft. Nur läuft es in diesem Jahr nicht normal. Erst der Jahrhundertregen im Mai, dann kurz mal Tropenhitze. Und ein paar Tage vor dem Start ein kräftiges Tief, das ganz Mitteleuropa mit einer Melange aus Niederschlag und Kälte überzieht. Mit dem höhentypischen Ergebnis, dass die Gipfelregion der Plose Ende Juni mit einem halben Meter Neuschnee beglückt wird. Nett anzuschauen ist das aus der Ferne, doch für ein arktisfernes Laufevent ist das doch eher ein Problem. Der Veranstalter reagiert „nach heißen Diskussionen“, so OK-Chef Christian Jocher, mit Vernunft: So lässt man den Lauf kurzfristig in diesem Jahr bereits auf 2.048 m ü NN an der Bergstation der Plosebahn in Kreuztal / Valcroce enden und hängt das fehlende 8,5 km-Wegstück im Tal dran, sodass wir heuer „nur“ 1.900 Höhenmeter bewältigen müssen (was übrigens immer noch mehr als beim Jungfrau-Marathon ist ...). 

 

Start im Herzen Brixens

 

Brixen, italienisch Bressanone, dürfte jedem Italienreisenden ein wohlvertrauter Begriff sein. Und  sei es nur deshalb, weil man hier, vom Brenner kommend auf der Autostrada gen Lago di Garda, Mare oder Toscana düsend, das erste Mal so richtig das Gefühl hat, in Italien angekommen zu sein.  Wer allerdings nur an der Autobahnausfahrt vorbei braust, verpasst einiges: Ein wunderschönes südtirolerisches Städtchen mit einer langen Geschichte,

Mittendrin, auf dem zentralen Domplatz, ist das Startareal eingerichtet. Alte Bürgerhäuser umrahmen den idyllischen Platz, überragt von den wuchtigen Doppeltürmen des barocken Doms. Lauschige Gassen, teils gesäumt von Laubengängen, verzweigen von hier durch die winkelige Altstadt. Schon am Vortag des Marathons steht auf dem Domplatz alles im Zeichen des Laufevents, was belegen mag, welchen Stellenwert die Veranstaltung für Brixen hat.

 
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Ein Pavillondorf mit Bühne ist aufgebaut. Die Abholung der Startunterlagen, eine kleine Messe, die Pasta-Party – alles ist hier Open Air beieinander. Optischer und akustischer Höhepunkt ist um 19 Uhr allerdings der 4 km-Frauenlauf, bislang Südtirols einziger. Etwa 400 einheitsblau gekleidete Damen jeden Alters sorgen schon beim Warm up vor dem Start für überschwängliche Stimmung, um danach ohne Zeitdruck, einfach nur gut gelaunt, lässig, unverkrampft auf einem Zweirundenkurs durch die Stadt zu joggen.

Die mehrheitlich männlich dominierte Marathonischar, die sich frühmorgens am nächsten Tag hier sammelt, könnte sich von der Stimmungspower der Damen jedenfalls eine Scheibe abschneiden. Nichtsdestotrotz: Sehr relaxt geht es zu, es wird geplauscht, gescherzt, ein letzter Schluck am Getränkestand genommen. Und: Die Sonne lacht vom Himmel. Dass die Starter hier eher weniger zu den Verbissenen gehören, als man sie bei einem City-Marathon erleben darf, merkt man spätestens daran, dass selbst fünf Minuten vor dem Start noch kaum jemand an der Startlinie steht. Dann geht aber alles ganz schnell. Pünktlich um 7:30 Uhr erschallt ein Knall, Getrappel hallt über den Platz, es geht los.

 
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Ganz harmlos und gemütlich, mit anderen Worten: flach und auf Asphalt, sind die ersten Kilometer, ideal, um den Laufmotor stressfrei auf Touren zu bringen. Vorbei am Rathaus werden wir eingangs  in einer Schleife durch die Gassen der Altstadt gelotst. Ein stimmungsvoller Einstieg. Wie ein Spuk mag so manchem die plötzlich auftauchende und sogleich wieder verschwindende Läuferherde vorkommen, die die morgendliche Stille durchbricht. Jenseits der fürstbischöflichen Hofburg geht es hinaus in die äußeren Stadtbezirke. Am Sportpark bei km 2,5 ist das Ufer der Eisack / Isarco erreicht, an deren Ufer wir normalerweise in Richtung Stadtzentrum zurück geleitet würden.

Aber wie schon gesagt: Heute ist nicht der Normalfall angesagt. Heute ist der Eisack, immerhin der zweitgrößte der Südtiroler Flüsse, außerplanmäßig etwas länger unser Begleiter. Wobei wir von dieser Begleitung zunächst einmal nicht allzu viel mitbekommen, da uns ein dichter Grünstreifen vom Fluss trennt. Auf einem Fuß-/Radweg parallel zur Durchgangsstraße geht es stadtauswärts,  immer geradeaus. Ganz offen: Richtig prickelnd sind die folgenden vier Kilometer nicht, denn es bestimmt weniger der Fluss als mehr das Gewerbegebiet entlang der Straße die Optik.

Erlösung verheißt eine moderne Hängebrücke mit strahlend weißen Stahltrossen, die uns in Albeins ans andere Ufer der Eisack bringt. Der Kontrast zur üppig grünen Natur im Hintergrund lässt sie noch eindrucksvoller in Erscheinung treten. Die Brücke ist gleichzeitig der Wendepunkt unserer außerplanmäßigen Ausflugs in Brixens Süden. Am anderen Ufer der Eisack dürfen wir nun den Rückweg gen Stadt in Angriff nehmen. Und die sind ein echtes landschaftliches Erlebnis. Auf einem Naturweg geht es mal direkt an den rauschenden Fluten entlang, mal durch dschungeliges Gehölz, dann wieder vorbei an kultivierten Apfelbaumplantagen. Kilometerlang bestimmt „Natur pur“ unseren Weg. Nur vereinzelt zwischen den Bäumen durchblitzende Häuser lassen erkennen, dass wir uns Brixen wieder annähern.

Noch zwei Mal dürfen wir den Eisack queren, wenn auch weniger spektakulär als in Albeins, zuletzt dort, wo sich der Eisack mit der Rienz, im Flüsseranking Südtirols Nummer drei, vereinigt. Just an diesem Punkt erreichen wir wieder den Standardkurs. Erst 3,5 km hätten wir hier normalerweise auf dem Streckenkonto gehabt, heute sind es schon 12 km. Endgültig heißt es hier Abschied zu nehmen von Brixen. Denn nun führt unser Weg geradewegs aus dem Tal hinaus. Und das bedeutet im Klartext: rauf auf den Berg.

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Informationen: Brixen Dolomiten Marathon
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