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Laufberichte

Auf den Berg, weil er da ist

 

Der Brixen Dolomiten Marathon findet 2016 zwar erst zum siebenten Mal statt und gehört noch nicht zu „großen“, also allseits gut bekannten Alpinmarathonen wie Jungfrau oder Zermatt, aber mir sticht er seit seiner ersten Austragung im Jahr 2010 ins Auge. Das liegt vor allem an seiner Streckenführung: Von der Domstadt tief unten im Südtiroler Eisacktal, gerade einmal 560 Meter hoch gelegen, geht es auf einen der Hausberge von Brixen, die fast 2500 Meter hohe Plose, einen sehr hohen Grasberg. Sie liegt in idealer Lage vor den eigentlichen Dolomiten, ist also eine hervorragende Aussichtswarte hoch über dem Eisacktal und gegenüber dem nordwestlichen Eckpfeiler der Dolomiten, dem Peitlerkofel (2874 m). Schon deshalb verspricht dieser Alpinmarathon ein beeindruckendes Erlebnis. Und auf einen schönen Berg muss ich rauf, wann immer es geht – weil er da ist.

Für mich soll der Brixen-Marathon den Höhepunkt dieses Laufjahres bringen – binnen acht Wochen nach Prag-Marathon, Rheinsteig-Extremlauf und dem Etappen-Nordseelauf. Vom Meeresniveau auf Gipfelhöhe: Ich bin gespannt, wie das klappt. Und reise natürlich schon am Dienstag vor dem Marathonsamstag nach Brixen an, um mich noch wenigstens etwas zu akklimatisieren. Mit dem Zug geht das auch von Bonn aus ganz gut: Maximal zehn Stunden Fahrzeit hin und zurück für noch nicht einmal 100 Euro! Wenn man eine konkrete Zugbindung akzeptiert, ist selbst die Deutsche Bahn gegenwärtig kaum teurer als der Fernbus. Und passende Hotels lassen sich im Bereich der Brixener Altstadt ausreichend finden, so dass man ohne weiteres Umziehen an den Start des Marathons gehen kann.

Aber erst einmal gilt es für mich, am Ankunftstag die Altstadt zu erkunden: Sie ist außerordentlich einladend, gänzlich ohne störende Bausünden, und angesichts des warmen Wetters sitzt man nicht in, sondern draußen vor den Gaststätten. Höhepunkte sind nicht nur der Domplatz mit dem vieltürmigen Dom, der „Weiße Turm“ der Stadtpfarrkirche als Wahrzeichen von Brixen und die beiden Laubengassen, sondern auch ein Konzert des Südtiroler Jazzfestivals. Da bleibt der Koffer erst einmal unausgepackt im Hotelzimmer stehen.

Am nächsten Morgen bin ich gleichwohl zeitig mit Bus 321 vom Busbahnhof aus zur Talstation der Ploseseilbahn unterwegs, um von deren Bergstation Kreuztal den obersten Teil der Marathonstrecke (ab km 33,7) zu erkunden. Bus und Seilbahn sind mit der Brixen-Card, welche bei den meisten Hotels im Übernachtungspreis eingeschlossen ist, kostenlos: Wer will, kann täglich auf den Berg fahren und sich dort akklimatisieren. Von der Bergstation geht es erst kurz auf breitem, dann schmalem Weg nach Norden zur Ochsenalm, rund fünf Kilometer weit mit einigem Auf und Ab: Fast der gesamte Weg ist relativ gut zu laufen, erst recht heute zu erwandern, auch wenn dieser „Brixner Höhenweg“ ein eher anspruchsvoller, weil gelegentlich steiniger Promenadeweg ist. Begeisternd sind vor allem die in voller Blüte stehenden Alpenrosen und der fast schon parkartige Charakter der Landschaft hier oben nahe der Waldgrenze.

Unmittelbar vor der Ochsenalm, die mit schönem Tiefblick 1500 Höhenmeter über Brixen liegt, wendet sich die Marathonroute spitzwinklig nach rechts, und nur noch kurz geht es sanft ansteigend in Richtung eines markanten Berges mit dem schon erkennbaren Leonharder Kreuz: Bei km 39 – die Marathonstrecke ist abseits der Stadt permanent markiert! – ist es mit dem gemütlichen Wandern vorbei, und es beginnen die letzten drei berüchtigten Kilometer des Brixen-Marathons. Steil geht es mit Kehren hinauf zum genannten Kreuz und dann weiter längs, teilweise etwas links unterhalb des Kammes im steilen Hang in Richtung des obersten Plose-Nordabfalls. Im Bereich von Kilometer 41 flößt mir meine Besichtigung einigen Respekt ein: Für einen halbwegs trittfesten Wanderer ist die Route zwar kein Problem, aber wer kurz vor dem Ziel mit seinen Kräften am Ende ist und nicht mehr die nötige Konzentration aufbringen kann, hat hier eventuell ein Problem! Und bei schlechtem Wetter, Regen, Wind oder gar Gewitter erhöhen sich die Probleme drastisch! Auch wenn der Brixen-Marathon auf nur 560 Meter Höhe startet, ist er doch am Ende schwieriger als manch anderer Alpinmarathon.

Die Plose ist ein mehrgipfliger Berg: Beim Marathon wird kurz vor dem Ziel der Telegraph überschritten – ein seltsamer Name für einen Berg. Er stammt aus der Zeit der letzten großen europäischen Gradnetzvermessung, als hier oben tatsächlich ein Telegraph zur Kommunikation der Vermesser stand. Leider ist der Gipfel heute arg verbaut: Das liegt nicht nur an den modernen Kommunikationsanlagen, die inzwischen viele prägnante Alpengipfel über den wichtigen Tälern „zieren“ – unser permanentes Kommunikationsbedürfnis fordert seinen Preis –, sondern mehr noch an einer in den 60er und 70er Jahren betriebenen NATO-Radarstation, die zwar außer Betrieb zu sein scheint, immer noch aber militärischer Sperrbezirk ist. Der „Panoramatisch“ auf dem sehr flachen Gipfel, von dem aus man sehr intelligent selbst ferne Gipfel anvisieren kann, fällt demgegenüber kaum auf. Die „Blöße“ und Weite dieses Gipfelplateaus hat der „Plose“ ihren Namen gegeben, nicht etwa der hier oben sicher häufig kräftig blasende Wind.

Nur wenige Höhemeter geht es vom flachen Gipfelplateau hinunter zur Plosehütte: Neben ihr wird sich drei Tage später das Marathonziel befinden. Heute ist die Hütte für mich ein schöner Platz für die Mittagsrast, denn nach dem wolkigen Morgenauftakt reißt es zunehmend auf, und die Dolomitenberge im Süden werden endlich frei. So lohnt es sich auch, noch nicht gleich wieder zur Kreuztal-Bergstation hinunterzugehen – was Marathonläufer nach ihrem Zieleinlauf auch müssen, wenn sie nicht das Angebot eines Almbusses nutzen wollen. Ich steige also nur kurz auf der anderen Gipfelseite ab zur Lüsener Scharte und jenseits weiter auf die Pfannspitze und auf den Großen Gabler, mit 2574 Metern der höchste Gipfel des Plose-Bergstocks. Der Westanstieg ist kurz fast schon alpin, während sich von Süden eine herrliche Bergwiese bis zum flachen, weiten Gipfel erstreckt.

Inzwischen lassen sich große Teile der Zillertaler Alpen im Norden und die nördlichen Dolomiten gut erkennen: Höhepunkte sind aber die Geislergruppe über dem Villnösstal mit den Aferer Geiseln davor und der dominante Peitlerkofel über dem Würzjoch. Der Berg ist übrigens mit einer schönen Rundwanderung vom Würzjoch aus als Bergwanderung (bis zum Kleinen Peitlerkofel) und mit einem kurzen Klettersteig auf den letzten 100 Höhenmetern relativ einfach zu besteigen und ein „Dreisprachenberg“: Da in Südtirol alle Namen italienisiert worden sind, heißt er auch „Sass de Putia“ oder einheimisch-ladinisch „Sass de Pütia“. Für mich ist es ein schönes Gefühl, den stolzen Berg zu sehen und zu wissen, dass ich ihn 1981 und 1983 zweimal bestiegen habe! Mit dem Rückweg über die Rossalm und der Talfahrt mit Seilbahn und Bus endet ein Tag, an dem ich, zusammen mit einem kurzen Morgenlauf, fast 26 Kilometer zurückgelegt habe – fast etwas zu viel drei Tage vor dem anstrengenden Marathon.

Der nächste Tag bringt folgerichtig einen Besuch der Hofburg in Brixen mit drei interessanten Museen und eine Kurzbesichtigung von Kloster Neustift, ehe mich am Abend ein Handicap der unangenehmsten Art für Marathonläufer trifft: Durchfall, Schwitzattacken in der Nacht, Magendrücken ... die Apothekerin vermutet am nächsten Tag einen viralen Infekt. Das sind ja heitere Aussichten für den Marathon!

Nach Tabletteneinnahme kann ich aber sogar eine leichte Wanderung unternehmen. Mit dem Bus geht es fast eine halbe Stunde über die Seilbahn-Talstation hinaus zur Skihütte am Südhang der Plose hinauf und dann noch eine Dreiviertelstunde zu Fuß flach weiter auf die Schatzerhütte (1974 m): Das ist ein wenig erschütternd, denn erst ober-, dann unterhalb verläuft am nächsten Tag auch die Marathonroute – ungemein weit also, ehe sie anfängt, die mittlere Höhe zu verlassen und in die Almregion aufzusteigen! Kurz hinter der Schatzerhütte kommt sie dann von rechts den Hang hinauf, und ich wandere nun ab Kilometer 27,7 weiter über die Rossalm zur Kreuztal-Bergstation (km 33,7): Auch hier gibt es wieder ein wunderschöner Almpfad, der dem zur Ochsenalm nicht nachsteht. Er wartet sogar mit einigen Geländern, Hangbrücken und Drahtseil gesicherten Hangpassagen auf.

 

 
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Wieder unten in Brixen gibt es noch das traditionelle Abholen der Startnummer am Vorabend. Der Domplatz steht jetzt ganz im Zeichen der Läufer, zumal hier noch der Frauenlauf über 4,2 Kilometer startet – ohne Zeitmessung, ohne Zeitdruck, mit Läuferinnen und Walkerinnen. Rund 600 Teilnehmerinnen, fast alle mit grünen Shirts, machen sich auf die Runde durch die Stadt. Der sportliche Wert ist eher nebensächlich – den Teilnehmerinnen macht es offenkundig großen Spaß. Während ich immerhin ein paar Nudeln zu mir nehme, ziehe ich Bilanz für die letzten drei Tage und im Hinblick auf den morgigen Marathon. Schön, dass ich das gesamte letzte Drittel der Marathonstrecke schon kenne; weniger schön ist, dass ich am Vortag nicht viel gegessen habe – nichts ist es mit „Carbo-loading“. Und mein viraler Infekt meldet sich in der folgenden Nacht wieder verstärkt: Werde ich zum Start fit sein für den Marathon?

Früh geht der Wecker. Mir geht es nach der zweiten durchschwitzten Nacht relativ gut. Eine halbe Stunde vor dem Start füllt sich der Teil des Domplatzes, von dem aus gestartet wird. Der LKW, der die Wechselbekleidung zum Ziel hinauf fahren wird, steht bereit: Die Plose ist ein Gipfel, der mit Bus und Lkw erreichbar ist – sozusagen „voll marathontauglich“. Ein schönes Erinnerungsfoto vor dem Marathonplakat lässt sich noch machen: Die Bergkulisse ist hier garantiert wolkenfrei. Das Wetter ist heute Morgen zwar schön, wenn auch etwas zu warm und schwül; die Berge sind wolkenverhangen. Schon für den Start aufgestellt, merke ich erst jetzt in der Sorge um mein Befinden, meine Mütze vergessen zu haben. Sie brauche ich sowohl bei Sonnenschein als auch als Brillenträger bei Regen.

Unspektakulär wie üblich bei Landschaftsläufen erfolgt der Start: Gibt es die fünf Minuten Verspätung auch als Aufschlag beim Zielschluss um 15:30 Uhr? Denn die Zielzeit ist angesichts der 2450 Höhenmeter aufwärts – wonach es auch über 500 Meter abwärts gehen muss – und angesichts der oft schwer laufbaren Wegpassagen sehr ambitioniert. Auch ich sehe heute für mich das Problem, sie zu schaffen. Die Laufstrecke führt auf dem ersten Kilometer durch die Altstadt: Für mich ist das die gute Gelegenheit, kurz die Laufstrecke zu verlassen, denn mein Hotelzimmer liegt direkt in der Nähe; zum Glück im ersten Stock. Hinauf, die Mütze aufgesetzt, hinunter: Wo sind die Läufer? Rechts kommt noch ein einzelner Läufer. Links um die Ecke des Hauses sehe ich weitere Läufer. Auf den ersten dreieinhalb Kilometern geht es flach im Stadtbereich erst nach Süden, dann längs des rechten Etschdamms wieder nach Norden bis zu einer hübschen Brücke: Auf ihr überquert man dann nicht nur den Eisack, sondern auch die breitere Rienz; Brixen liegt an der Mündung des Pustertals in das Eisacktal.

 

 
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Ein erster Aufstieg, noch im Schatten liegend, beginnt, aber es geht nicht lange steil aufwärts. Denn dann folgt ein schöner Waldweg, schon ein hübscher Trail, mit einigem Auf und Ab. Höhengewinn erzielt man hier noch nicht – eher ist es ein vergnüglicher Auftakt zu den viel größeren Herausforderungen, die noch folgen werden. Ich bin arg schlapp und überlege, wie weit ich heute wohl komme und wo ich gegebenenfalls aussteigen kann. Platsch! Und schon lande ich auf Händen, Bauch und Oberschenkeln! Man soll halt nicht zu viel nachdenken auf steinigen Wegen.

Irgendwie hat mir der „Weckruf“ aber auch ganz gut getan. Gut tut auch, dass es plötzlich wieder mehr Leben auf der Marathonstrecke gibt. Von hinten kommen zunehmend Staffelläufer, die eine halbe Stunde später gestartet sind. Mit dem Eintritt in die ersten sonnenbeschienenen Wiesenhängen zeigt sich, wie wir nun doch Höhe über Stadt im Tal gewinnen. Auch andere Läufer fotografieren: Der Blick auf das sonnenbeschienene Brixen lohnt sich, auch wenn die Berge dahinter noch wolkenvergangen sind. Über dem Kirchturm des Hangdorfs St. Andrä blendet hingegen die Sonne. Immerhin erreichen wir mit der Höhe des Dorfes bereits die 1000-Meter-Marke und queren oberhalb den Hang zur Talstation der Plose-Seilbahn, wo sich für die Viererstaffeln der erste Wechselpunkt befindet. Kurz vorher gibt es aber ein unangenehmes Ereignis: Ein Krankenwagen hält an einer Straßenquerung, und zwei Rettungskräfte eilen entlang der Laufroute, auf der ein relativ junger Läufer bewegungslos liegt: Ist er so schwer gestürzt? Gut, dass gerade Arzt und Rettungssanitäter eintreffen!

Parkplatz und Talstation an der Plose-Seilbahn kenne ich schon gut: Trotzdem bin ich überrascht über die dortige Routenführung. Die breite Brücke über den Bach dient wohl im Winter den Skifahrern. Jetzt klaffen an einigen Stellen breite Lücken zwischen den Holzbohlen, so dass ich mich erst danach auf die Verpflegungsstation konzentriere und mit Überraschung den Wiesenhang dahinter sehe. An ihm geht es kurz, aber sehr steil hinauf! Und dann ärgert mich ein Staffelläufer, der offensichtlich mit Laufetikette nichts im Sinn hat. Denn gerade als ich im Flachbereich wieder loslaufen will, geht er mitten im Engpass gemächlich weiter, weil er offenkundig erst sein Smartphone für’s Musikhören einstellen muss. Auf die paar Sekunden kommt  es mir ja gar nicht an. Aber er bringt mich aus dem Tritt gebracht und ansprechbar ist er auch nicht. Wenn Läufer durch solche Geräte nicht mehr das Geschehen um sich herum wahrnehmen, sollte man diese Geräte bei  Wettkämpfen verbieten. Teilweise wird es ja auch schon so gehandhabt.

 

 
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Oberhalb der Talstation wird die Plose-Seilbahn bei der Trametschhütte unterquert: Die Trametschabfahrt gilt mit neun Kilometern als längste Skiabfahrt in Südtirol. Die Seilbahn werden wir an der Bergstation erst nach weit über 20 Kilometern wiedersehen, denn jetzt beginnt die lange Querung des Plosesüdhangs. Zunächst geht es für knapp vier Kilometer im Wald auf einer Forststraße aufwärts. Wegen der Steigung und meiner Schlappheit komme ich hier fast nirgends ins Laufen. Dann beginnt die sehr schöne Querung zahlreicher Höfe der Ortschaft Afers, genauer St. Georg und Hinterafers. Steile Waldtrails (auch abwärts!), sehr schöne, aussichtsreiche Wiesentrails, Brücken und die Höfe machen die Strecke zum kurzweiligen Vergnügen, zumal der Wechsel von überwiegend Laufstrecken und eher kurzen Gehabschnitten jetzt dem Kilometerkonto zugutekommt; Höhe gewinnen wir dafür hier kaum.

Nach den Höfen tauchen wir wieder für längere Zeit in den Wald ein: Auf einer sehr hübschen Waldlichtung präsentiert sich mit zwei Holzhäusern eine echte Idylle – hier könnte man es aushalten! Aber es folgt gleich wieder ein schöner Trail, der in einen Forstweg überleitet, an dessen Beginn die Helfer anscheinend bereits beginnen, den Verpflegungsstand abzubauen – was mir nicht so gut gefällt. Andererseits liege auch ich weit hinter meinen zeitlichen Erwartungen, denn ich nähere mich dem Punkt, ab dem ich die anderthalb Wanderstunden zwischen Kilometer 27,7 und 33,7 schon kenne. Die Zeit, die mir dafür zur Verfügung steht wird, dürfte deutlich unter eine Stunde sinken. Ein Elmsdorfer, der hier als „Nordlicht“ seinen ersten Alpinmarathon förmlich erleidet, fragt mich, ob wir denn noch Kreuztal in den vom Veranstalter geforderten sechs Stunden erreichen können. Es gibt nicht nur ein Zeitlimit für das Marathonziel (15:30 Uhr, also acht Stunden), sondern auch für die Zwischenstation Kreuztal bei 33,7 Kilometer (13:30 Uhr, sechs Stunden).

Klar ist: Bis zum Punkt, den ich schon kenne, geht es jetzt noch einmal fast 300 Höhenmeter aufwärts; diesmal wieder auf einer Forststraße. Ein kurzer freier Ausblick zeigt: Es gibt nicht viel zu sehen, denn die gegenüber liegenden schönen Kalkberge, die ich von den Vortagen her kenne, stecken ab 2000 Metern in Wolken. Gelegentlich hört man Autos und Motorräder. Die schmalen Straßen, die aus dem Aferer- und aus dem Villnösstal zum Würzjoch ziehen, sind bis hier herauf zu hören.

Der nächste Verpflegungsstand naht – es gibt übrigens eine sehr gute Unterwegsversorgung! -, und hier sind die Helfer gut aufgelegt. Ich lerne auch Karl-Ernst (Rösner) aus Haan kennen, der mit 78 Jahren heute seinen 500. Marathon finishen möchte: Am nächsten Tag wird er dafür sogar in der Zeitung vorgestellt. Kurz hinter dem Verpflegungspunkt erreiche ich endlich – unter dem Beifall von zwei kleinen Kindern – den Weg, auf dem ich am Vortag von der Schatzerhütte aus hergewandert bin. Der Wald weicht ab jetzt zurück und gibt den Blick frei – nein, nicht auf die umgebende Bergwelt, sondern auf düster sich ballende Wolken. Die Tropfen eben im Wald waren nicht Schweißtropfen von meiner Mütze, sondern Regentropfen! Und tatsächlich fängt es auch an, zu donnern.

Immerhin, mir geht es immer noch ziemlich gut und ich weiß, dass jetzt ein besonders schöner Wegabschnitt folgt, wobei Regen hier auf Kilometer 28 und 29 nicht so schön wäre, weil es sehr steile Hänge zu queren gilt. (Drei Schönwetterbilder vom Vortag sind an dieser Stelle „eingeschmuggelt“.) Der Veranstalter hat den Lauf aber gut abgesichert. In relativ kurzem Abstand stehen an oder nach heiklen Passagen Helfer und passen, dass die Läufer gut durchkommen. Es ist ein Vorteil, einen schon bekannten Weg zu laufen, denn ich komme überraschend schnell voran. Vor der Rossalm geht es nur kurz steil aufwärts, da stören mich im Moment auch nicht die Wolken um mich herum, der plötzlich unwirsche, kühle Wind und das immer häufigere Donnern. Ich fange allerdings an zu überlegen: Obwohl ich mir bei meiner Schlappheit heute die volle Distanz zutraue, sagt mir meine Wetterkenntnis, dass ich in Kreuztal aussteigen sollte. Der Aufstieg am Schlusskamm auf die Plose scheint unter diesen Bedingungen riskant zu sein.

Die Entscheidung wird mir schon an der Rossalm abgenommen, denn gerade wir bekannt gemacht, dass das Rennen abgebrochen ist, das Ziel sei jetzt Kreuztal. Für mich heißt das: Noch drei Kilometer durch das immer schlechtere Wetter, und es ist geschafft. Es donnert zwar immer häufiger und wird vor allem hinter mir immer dunkler, aber Regen und Wind halten sich noch zurück. Mit einer großen Kehre über Grasgelände, dann auf schmalem Fahrweg geht es mit kurzen steileren Abschnitten abwärts in Richtung der Bergstation Kreuztal. Dort hat man schon mit dem Abbau der Staffel- und Einzelläufer-Bahnen begonnen, aber den Pieps der Zeitmessung – die hier keine Matten verwendet –, habe ich gehört. So habe ich eine Endzeit, die übrigens mit knapp unter 5:53 Stunden doch noch im Limit ist. Ich stehe kaum eine Minute unter dem Verpflegungszelt, als heftiger Regen einsetzt. Regenschutz wird rasch ausgeteilt, später auch grüne Shirts mit der Aufschrift „33k – 1890 Meter“. Stammen sie vom Vorjahr, als man hier in Kreuztal offiziell seinen Lauf beenden konnte? Gut sind die Shirts jetzt allemal: Denn die Wechselwäsche ist oben im Marathonziel!

Einige weitere Läufer geraten angesichts des Rennabbruchs aus der Fassung. Sie stehen offensichtlich noch voll „unter Strom“, haben für den Moment das Problem, die Situation richtig einzuschätzen. Ich sage dem Verantwortlichen ganz deutlich, dass ich den Rennabbruch für völlig richtig halte, denn etliche Läufer, die schon bis hierhin so lange gebraucht haben, wären mit dem jetzt glitschigen Schlussanstieg tendenziell überfordert. Außerdem sind die sechs Stunden Zeitvorgabe längst überschritten.

Kurz darauf ein überraschendes Bild: Große Scharen Läufer kommen von der Strecke zurück. Nachdem der Veranstalter den Rennabbruch beschlossen hatte, wurden die Läufer vor Kilometer 38 aufgefordert, umzudrehen, denn die Rückkehr nach Kreuztal ist einfacher und vor allem sicherer, als der weitere Weg über den Grat auf die Plose. Manch einer legt so doch die 42 Kilometer zurück, auch wenn er nur mit der 33,7-Kilometer-Zeit gewertet wird.

Gleichwohl ist die Situation voll unter Kontrolle. Die Veranstalter, denen jetzt nur ein Megaphon fehlt, bieten den Teilnehmern an, sich entweder mit dem Bus zum Ziel auf den Berg fahren zu lassen, wo es die Wechselwäsche und eine Pasta-Party gibt, oder seine Startnummer anzugeben, damit man seinen Kleidersack herunterbringen kann. Zwar hat es inzwischen aufgehört zu regnen, und es sogar die den gesamten Tag wolkenverhüllten Dolomitengipfel klar und sogar etwas blauen Himmel im Westen zu sehen, aber auf eine Busfahrt auf den Gipfel und möglicherweise einen Abstieg von der Plose auf einem glitschigen Grashang habe ich keine Lust; außerdem finde ich den logistischen Aufwand zu groß. Tatsächlich klappen beide Alternativen gut, und nach einer Stunde gibt es auch in Kreuztal die Kleiderbeutelausgabe und als Zugabe sowohl Finisher-Shirt als auch die Marathonmedaille! So sind selbst die, die es nur bis Kreuztal geschafft haben, Finisher des Brixen-Marathons, obwohl sie gar nicht die Marathondistanz gemeistert haben. Aber angesichts der in diesem Fall wirklich begehrenswerten, künstlerisch gestalteten und im Wortsinn schwergewichtigen Medaille ist mir das egal.

 

 

Weniger schön ist der Rennabbruch für Karl-Ernst, der heute seinen 500. Marathon finishen wollte und sich als Südtirol-Fan extra für Brixen entschieden hatte. Aber im selben Atemzug, wie er den Abbruch bedauert, bekundet er auch sein Verständnis für die verantwortungsvolle Entscheidung des Veranstalters.

Das gilt auch für Martina Mischnick, die zusammen mit ihren Mann Bernd hier ihren ersten Alpinmarathon angegangen ist, aber auch bei Kilometer 38 umdrehen musste. Sie ist die Gewinnerin des Nordseelaufs vor zwei Wochen und hatte sich für den Brixen-Marathon entschieden, weil sie ein Pferd besitzt. Und die Marathonmedaille ziert in diesem Jahr ein Pferd zusammen mit einer Läuferin. Martina ist positiv angetan von diesem Marathon mit seinen Trailanforderungen, weil sie hier ganz ohne Zeitdruck das Laufen, zwischenzeitlich auch mal Gehen und vor allem Natur und Landschaft genießen konnte. Und da sie mit Bernd noch ein paar Tage in Brixen urlauben wird, will sie die Marathonstrecke von Kreuztal bis auf die Plose bei schönerem Wetter abwandern.

Nach dem Kleidersacktransport bis Kreuztal komme ich rasch mit der Seilbahn hinunter – und erwische im übervollen Bus ausgerechnet einen Sitzplatz neben einem mir noch nicht bekannten Bonner, Klaus, der oft im Siebengebirge läuft. Die Marathonwelt ist abseits der großen Cityläufe klein. Er hat tatsächlich als M60 mit einer phantastischen Zeit (6:13) noch das Ziel auf der Plose erreicht, berichtet aber, wie grenzwertig der Aufstieg war. Zeitweise gab es überhaupt keine Sicht, dafür heftigen Regen sowie kurzzeitig einen sehr unangenehmen Wind. Auch bei guten Bedingungen erfordert der steile Wege höchste Konzentration.  

 

 
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Im letzten Bilderblock gibt es gleichwohl Bilder ab Kreuztal bis auf den Gipfel. Ich habe sie drei Tage zuvor bei meiner Streckenbesichtigung aufgenommen. Besonders schön, dass dabei auch drei trainierende Läuferinnen vorbei kamen.

Brixen ist klein genug, um sich am Abend auch ohne Absprache wiederzusehen. Martina und Bernd treffe ich beim Abendessen auf dem Domplatz. Während wir essen und anschließend „public viewing“ beim EM-Spiel Italien gegen Deutschland machen, fängt es aus allen Kübeln an zu gießen. Und hört nicht mehr auf. Typisch Sommer 2016 halt.

Trotz des Rennabbruchs und meiner persönlichen Problems war es ein guter Tag mit einem schönen Alpinmarathon!

Fazit:

Sehr anspruchsvoller, sehr gut organisierter Alpinmarathon mit den derzeit meisten Aufwärtshöhenmetern: Laut Veranstalterangabe 2450 Meter. Der Höhenunterschied von Brixen (560 m) bis zum höchsten Punkt am Telegraph (2486 m) beträgt 1926 Meter, so dass sich gut 500 Höhenmeter abwärts ergeben. Bereits bis Kreuztal, der letzten Zeitmessung für die vom Rennabbruch betroffenen Läufer, sind es 1890 Aufwärtshöhenmeter. Neben eher wenigen Asphaltabschnitten gibt es Forst-, Höfe- und Almstraßen sowie relativ häufig anspruchsvolle Wald- und Wiesentrails, teilweise sogar mit leicht ausgesetzten Stellen (km 29, 36, 41/42). Die Wege sind aber immer gut und für Wanderer harmlos; der Schlussaufstieg auf die Plose verlangt aber hohe Konzentration und rechtfertigte bei dem einsetzenden Schlechtwetter am Renntag – mit unsicherer Weiterentwicklung – wegen Gewitters, fehlender Sicht und Starkregens bei kurzzeitig heftigem Wind durchaus den Rennabbruch.

Landschaftlich großartig, wobei man durchaus mehrere Tage in Brixen verbringen sollte; die Marathonstrecke im oberen Drittel vorab zu besichtigen, geht sehr gut; Bus- und Seilbahnbenützung sind mit der Brixen-Card kostenlos. Auch für die Stadt Brixen, eventuell mit Ausflug zum Kloster Neustift, sollte man mindestens einen kompletten Tag reservieren.


Sieger Männer:

Hannes Rungger, M30, Sarntal/Südtirol, 3:38:48
Andreas Reiterer, MHK, Hafling/Südtirol, 3:43:44
Marco Pozza, M35, Bozen/Südtirol, 3:50:15


Siegerinnen Frauen:

Simonetta Menestrina, W45, Trento/Trentino, 4:28:53
Anna Pircher, W40, Latsch/Südtirol, 4:38:37
Antje Benz, W45, Nagold/Deutschland, 4:44:45

Teilnehmer

Insgesamt 305 Finisher, die das Ziel auf der Plose erreicht haben (257 Männer, 48 Frauen). Wegen des Rennabbruchs registriert die Zieleinlauf weitere 102 Männer und 40 Frauen für den Zieleinlauf in Kreuztal.

Staffeln: 87 bis Plose, 6 bis Kreuztal. Schnellste Viererstaffel in 3:33:23.

 

Informationen: Brixen Dolomiten Marathon
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