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Laufberichte

Aus der Kaue durch den Wald

 

„Stillstand ist Rückschritt!“ Das wußte schon der langjährige Vorstandsvorsitzende der VEBA AG, Rudolf Christian von Bennigsen-Foerder. Traurig ist es dennoch, wenn Traditionen den Bach runtergehen, in diesem Fall sogar eine ganze Industrie, die über Jahrhunderte zehn-, wenn nicht gar hunderttausende Familien ernährte. Aber wenn die heimische Steinkohlegewinnung zu teuer und auch unter Umweltaspekten nicht mehr en vogue ist, muss man sich wohl dem Unvermeidlichen fügen. So erwischt es auch die Grube Prosper-Haniel in Bottrop, die zum 31.12.2018 schließen muss und daher zum vorletzten Mal Gastgeberin des gemeinsam mit der Grubenwehr vom Verein Adler-Langlauf Bottrop ausgerichteten Herbst-Waldlaufs sein wird.

Der allerdings ist etwas ganz Besonderes, und darauf stehe ich bekanntermaßen. Das 1974 aus verschiedenen anderen zusammengefasste Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop ist seit der Schließung der Zeche Auguste Victoria am 18. Dezember 2015 das letzte aktive Steinkohlen-Bergwerk im Ruhrgebiet. Und dieses bietet als ganz besonderes Glanzlicht die Mitnutzung der Sanitäranlagen der Bergleute durch die Läufer. Hier spricht man von den Kauen als Aufenthalts- und/oder Umkleidemöglichkeit. Ging man ganz früher völlig kniesig von der Arbeit nach Hause und musste dort sehen, wie man den Dreck runterbekam, bieten die Waschkauen nach dem Schwarz-Weiß-Prinzip ganz andere Bedingungen.

 

 
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Sie besteht im Wesentlichen aus zwei relativ identischen Umkleideräumen, der „Weißkaue“ und der „Schwarzkaue“. Die Kleidung wird an Haken aufgehängt und mittels eines Seiles oder einer Kette frei zur Decke hochgezogen. Die Ketten werden an einem Ständer verschließbar angebracht (hierfür sollten wir ein kleines Vorhängeschloss mitbringen). Zwischen den Umkleideräumen befinden sich Duschen und andere Waschmöglichkeiten. Vor Schichtbeginn zieht sich der Bergmann in der Weißkaue aus, hängt seine Privatkleidung auf den Weißhaken und zieht diesen hoch. Dann geht er nackt zur Schwarzkaue, zieht seine Arbeitskleidung an und diese am Schwarzhaken hoch. Nach getaner Arbeit geht dieser Ablauf andersherum. Bevor er seine Privatkleidung wieder anzieht, reinigt er seinen Körper unter der Dusche. Genau dieses Procedere (wobei wir natürlich keine Schwarzkaue benötigen) wollte ich einmal erleben, bevor es dafür zu spät ist.

Die vermessenen und damit bestenlistenfähigen Laufstrecken führen vom Bergwerk Prosper-Haniel rund um die Schöttelhalde (6,8 km) bzw. über den "Alten Postweg" Richtung Heidesee/Heidhofsee (10 km). Die Wege sind überwiegend gut befestigt, das Streckenprofil ist leicht wellig. Jeder Kilometer ist markiert, auf der Strecke sind 4 Verpflegungsstellen eingerichtet. Alle Läufe werden im Zechengelände auf der Straße vor dem Förderturm gestartet. Dort befindet sich auch der Wendepunkt für den Ultramarathon und das Ziel für alle Läufe.

Hier ist riesig viel Platz für die Umkleiden, Startnummernausgabe und das geile Frühstücks- und Kuchenbuffet vorhanden, ein idealer Platz also zum sich Wohlfühlen. Ganz besonders freue ich mich, neben zahlreichen lieben Lauffreunden unseren Mitautoren Werner Kerkenbusch mitsamt seiner Inge und seinem VfL Bergheide wieder einmal zu treffen. Werner wohnt nur wenige Minuten entfernt, unsere heutige Strecke gehört zu seinem regelmäßigen Laufrevier. Er wird heute die 10 km unter die Füße nehmen, macht sich aber leider als Schreiberling bei M4Y etwas rar. Logisch ist man mit mittlerweile 70 Lenzen nicht mehr so schnell wie früher, aber für ein Finish innerhalb des normalen Zeitlimits reicht es doch noch immer. Gerne würden wir wieder mehr von Dir lesen, Werner! Die Bergmannskapelle spielt das immer wieder (zumindest von mir) gerne gehörte Steigerlied, untermalt von diesen Klängen  treten wir beherzt die Flucht nach vorne an.

 

 
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Parallel zum Stadtteil Königshardt, von diesem jedoch getrennt durch die riesige, interessant renaturierte, 126 m hohe  Abraumhalde Haniel, in der die sog. Bergarena (es handelt sich hierbei um ein in die Halde eingelassenes Amphitheater) integriert ist, gen Norden. Auf seiner Spitze kann man von unten die bunten Stelen gerade so sehen, von nahe bieten sie ein schönes, ungewohntes Bild. Wir kommen am Landschaftsbauwerk Schöttelhalde vorbei, wo momentan täglich 18.000 Tonnen Abraum des Bergwerks Prosper-Haniel aufgeschüttet werden. Über eine asphaltierte Straße – das wird heute aber eher die Ausnahme bleiben – geht es ins Grüne. Beim Stichwort „Ruhrpott“ denken viele Leute immer noch an Grau, Qualm und Dreck, aber das ist weitestgehend Vergangenheit. Heute bekommen wir definitiv die schönen Seiten des Ruhrgebiets präsentiert.

Über den Alten Postweg, eine öffentliche Straße, deren Überquerung mit Polizeiunterstützung gefahrlos vonstattengeht, betreten wir das Waldgebiet der Kirchheller Heide. Der Regen der vergangenen Nacht, der glücklicherweise punktgenau zum Start aufgehört hat, beschert uns zahlreiche Pfützen, die von den meisten noch mehr oder weniger gekonnt umgangen oder übersprungen werden. Nach der Überquerung des Rotbaches, entlang dessen wir etliche km verbringen werden, erreichen wir nach etwa dreieinhalb km bei der ersten Verpflegungsstelle den etwa 17 km langen (mehr oder weniger) Rundweg, bevor es die letzten dreieinhalb km wieder auf gleichem Weg zur Zeche zurückgeht. Bei km 6 steht erstmals der Malteser Hilfsdienst, natürlich ohne das gleichnamige hochprozentige Getränk, es ist einfach kein Verlaß auf die Typen. Noch ist alles paletti, also weiter.

 

 
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Insgesamt ganz leicht wellig ist die Strecke, wenn auch ohne steile Anstiege, am Ende werden sich die Höhenmeter auf etwa 100 summieren. Witzigerweise spiegelt sich das in der Bezeichnung unserer Gastgeberstadt wider, denn der Name Bottrop entwickelte sich aus dem mittelalterlichen Borthorpe, was so viel wie „Dorf am Hügel“ bedeutet. Das ist aber beileibe nicht das einzige Bemerkenswerte, das es über sie zu berichten gilt, denn mit der Abteufung der ersten Zeche Prosper I im Jahre des Heils 1856 begann der steile Aufstieg zur heutigen Stadt: Über mehrere Jahrhunderte nur ein kleines Dorf mit einigen hundert Einwohnern gewesen, waren es 1800 etwa 2.000 Einwohner, hundert Jahre später schon 25.000. Bis 1911 verdoppelte sich diese Zahl auf 50.000. Im Jahre 1953 überschritt die Einwohnerzahl der Stadt die Grenze von 100.000, wodurch sie zur Großstadt wurde. Eine Entwicklung, die aus naheliegenden Gründen mittlerweile rückläufig ist.

Rechts abgebogen, folgen wir nun dem Schwarzbach zum zweiten VP, der nach etwa acht km unsere Herzen und Sinne am Ende einer kleinen Begegnungsstrecke erfreut. Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, als ich den kleinen Weihnachtsbaum entdecke, der in dem Pylonen steckt, um den wir herumlaufen. „Aus der Kaue durch den Wald“ - dieser Spruch ziert einige Shirts aus Anlass des 20. Starts an der Grube Prosper-Haniel. Kaum entdeckt, ist der eigentlich gedachte Berichtstitel schon Makulatur, denn das ist treffend und gefällt mir.

Bei km 12 kommen wir über den nördlichsten Punkt der Strecke, an der die zweite DRK-Station steht, zum idyllischen, durch den Abbau von Quarzsanden entstandenen Heidhofsee. Der ist mit 4,8 Hektar der zweitgrößte der Stadt und bildet seit 1973 zusammen mit dem sechs km später folgenden Heidesee ein Naherholungsgebiet. Dieses wird teils touristisch, teils zum Angeln genutzt, ein weiterer Teil steht als Biotop unter Naturschutz. Davon überzeugen wir uns an seiner Ostseite und haben hinter dem Denkmal des Heidedichters Hermann Löns bei einem sehr schönen Spielplatz, der ein beredtes Zeugnis von der Beliebtheit dieses Naherholungsgebietes ablegt, gut die Hälfte der Runde gepackt. Zur Belohnung werden wir am Waldkompetenzzentrum Heidhof das dritte Mal versorgt. Unsere Kompetenz liegt eher im Ausdauerbereich, daher halten wir uns trotz der netten Aufforderung („Nur einer wird Sieger sein, kehre hier gemütlich ein“) nicht lange auf. Also: „Nich lang schnacken, Kopp in Nacken!“, daher schnell weiter.

Es folgt der für mich optisch ansprechendste Abschnitt, der auf der Karte so nicht erkennbar war und hervorragend in die Jahreszeit passt: Ein Moorgebiet oder zumindest das, was ich dafür halte. Beiderseits des Wegs stehendes Wasser, mit kleinen Grasinseln versehen und jeder Menge abgestorbener Bäume darin stehend. Düsterer Himmel, schauriges Moor und zwischen den Bäumen im Hintergrund ebenso schaurige, bunte Gestalten – klasse! Und immer wieder diese riesigen Holzstapel am Wegrand, meistens steht „Baumgarten“ darauf. Bei denen zuhause muss es mächtig kalt sein, sollte es sich um zukünftiges Brennholz handeln.

 

 
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Nach knapp 18 km folgt der infolge Kiesausbeutung entstandene, 34 Hektar große  Heidesee, in dem, wohl zu wissen, aufgrund einer an nährstoffärmere Verhältnisse gebundenen Unterwasserpflanzenvegetation fünf Armleuchteralgenarten existieren. Wir mittlerweile nährstoffarmen Armleuchter hecheln fast komplett um ihn herum. Obwohl – wenn wir ganz schlimme Menschen wären, würden wir ihn beim VP 4 direkt auf einem Damm überqueren und so gute anderthalb km sparen. Aber so böse sind wir ja gar nicht. Kai Thorbrügge hat zwar Aua und ist am Dehnen, aber als er die Kamera sieht, reicht es noch zu einem grinsenden Daumen hoch, unmittelbare Lebensgefahr besteht also  offensichtlich nicht. Am Südende des Heidesees steht, parallel des Stadtteils Grafenwald, der Feuerwachtturm, an dem wir den 17 km-Rundweg schon fast beendet haben. Nur wenig später stehen wir wieder am VP1, der jetzt zugleich den VP 5 darstellt und machen uns auf den dreieinhalb km langen Rückweg, auf dem wir jede Menge Begegnungsverkehr erleben.

Schon bei km 24 höre ich die Zielmoderation, es erfolgt ein Rechtsschwenk und schon laufe ich nach 25 km entspannt ins Ziel. Warum jetzt keine zweiten 25 km? Fast zwei Wochen lang habe ich mich mit der heftigsten Erkältung seit vielen Jahren herumgeplagt und die Entscheidung, hier und heute überhaupt teilzunehmen, bis zum letzten Moment  hinausgezögert. Mit zwar halbwegs gesundetem, aber noch immer geschwächtem Körper erschienen mir 50 km als nicht ratsam, daher habe ich auf den 25 km-Wettbewerb umgemeldet. Der Veranstalter bietet zwar nach der ersten Runde des Ultras für Abbrecher eine inoffizielle Zeitnahme an, aber eben keine offizielle, da der Ultra vierzig Minuten früher gestartet wird und es deshalb zwei verschiedene Wettbewerbe sind. Trotzdem habt Ihr nicht einen Meter des Ultras versäumt, den der führt nach einer Wende am Schacht zum zweiten Mal auf die gleiche Runde. Sieger dieses Laufs wurde übrigens ein Belgier in sagenhaften 2:59:09 Std.

Für mich ist das heute eindeutig die vernünftigere, weil gesündere Lösung. Allerdings bin ich über mich selbst erstaunt, denn eigentlich passen die Begriffe Vernunft und Laufen bei mir nicht unbedingt zusammen. Man behängt auch mich mit einer hübschen Medaille in Form des Förderturms und eine Urkunde kann ich vor Ort direkt aus der Hand eines ziemlich unfreundlichen Mädels des Zeitnehmers mitnehmen, selbstverständlich kann man diese auch zuhause noch herunterladen. Die Urkunde. Die kostenlose Massagemöglichkeit nehme ich zwar dankbar zur Kenntnis, aber nicht wahr. Nach nur 25 km braucht die kein Mensch, davon abgesehen sehe ich am Dienstag meinen Physiotherapeuten wieder, der mich seit bald zehn Jahren fast jede Woche erfolgreich quält. Ich bin mir sicher, dass meine durchgehende Verletzungsfreiheit neben einem von mir als über die Jahre vernünftig bewerteten Wochenpensum nicht zuletzt durch seiner Hände Arbeit begünstigt wird.

Noch einmal genieße ich das Erlebnis der Kaue und vor allem die wie versprochen heiße Dusche, hervorragend. Sogar das Kuchenbuffet ist noch nicht vollständig geräubert, so können die kaum verlorenen Kalorien unverzüglich mehr als vollständig wieder aufgefüllt werden. Essen nach dem Wettkampf soll ja ganz wichtig sein.

Ja, im kommenden Jahr heißt es zum letzten Mal Weiß- und Schwarzkaue, bevor sich die Organisatoren etwa anderes werden einfallen lassen müssen. Das wird dann schon der dritte „Umzug“ werden, denn die ersten 22 Jahre diente als Start und Ziel das Jahnstadion in unmittelbarer Nähe der Dieter-Renz-Halle, die durch einen Großbrand 1995 völlig zerstört wurde. Aber darüber brauchen wir als „Kunden“ uns nicht den Kopf zerbrechen, schon gar nicht jetzt, denn wir dürfen uns im kommenden Jahr nochmals auf das gleiche Spektakel wie heute freuen. Das solltet Ihr Euch keinesfalls entgehen lassen.


Streckenbeschreibung:
Zweimal zu durchlaufender Rundkurs über 25 km.

Startgebühr:
27 € plus 3 € Leihgebühr für den Chip.

Veranstaltungen:
50 km, 25 km, 10 km, 6,8 km.

Streckenversorgung:
Viermal an der Strecke und im Ziel (Eigenverpflegung, Wasser, Tee, Cola, Dunkelbier, Bananen und Trockenobst).

Auszeichnung:
Medaille, Urkunde vor Ort und online, Sachpreise für die Schnellsten.

Leistungen/Logistik:
Perfekt nahe beieinander. Kostenlose Massage.

Zuschauer:
Im und am Ziel reichlich, im Wald wie immer dünn

 

Informationen: Bottroper Herbstwaldlauf
Veranstalter-WebsiteE-MailErgebnislisteHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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