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Laufberichte

Der direkte Weg

06.04.14
Autor: Joe Kelbel

Dreißig Minuten östlich von Kassel befindet sich der Bahnhof „Witzenhausen Nord“.  Schon  witzig, denn es gibt weder „Witzenhausen Mitte“ noch „Witzenhausen Süd“. Der amerikanische Teil des internationalen Läuferfeldes weiss dies nun  auch, man hat die Läuferin im Zonenrandgebiet gefunden.

Während mich Karl-Heinz  nach Kleinalmerode fährt, denke ich darüber nach, dass nicht mal die Germanen hier siedelten, sondern das Gebiet rund um den Bilstein gemieden. Erst im 12.Jahrhundert kamen die ersten Siedler.

Eine davon ist Anneliese, die gute Seele des Ortes. 90 Jahre alt, immer einen guten Spruch auf Lager. Erwin, der nie den Hut abnimmt, wird von ihr auch gleich zurechtgewiesen: „Junge, was haste denn für ne Schule besucht?“

 
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Auch ich bekomme mein Fett weg: „Lockenköpfchen, was haste denn im letzten Jahr aus deinem Leben gemacht?“  Mein Achillessehnenriss war wohl die größte Leistung. „Junge, ich sachte dir doch, du sollst den direkten Weg nehmen!“ Dann zeigt sie mir, wo der Bierkasten steht.

Am nächsten Morgen  nehme ich tatsächlich den direkten Weg. Ich wähle den Halbmarathon und am liebsten die Kirschkönigin. Natalia die Erste kommt mit ihrer Körpergröße bestimmt an jede Kirsche dran. So erlebe ich den  Start der Ultrawanderer, Ultraläufer und Marathonläufer und bin gleichzeitig mit ihnen am Bilstein, denn die Streckenführung ist so genial, das man nie alleine ist.

 
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Hier im Land der Kirschblüten, wo die Haustüren unverschlossen bleiben, ist niemand alleine. Jeder hilft jedem und so ist es selbstverständlich, dass jeder zum Gelingen der Sportveranstaltung beiträgt. Diese Gastfreundlichkeit macht den Lauf so beliebt. Die Meldeliste  musste nach 470 Einschreibungen geschlossen werden. Das sind immerhin 150 mehr als letztes Jahr. Und die müssen schließlich optimal versorgt werden. Sagenhafte fünf Versorgungsstationen erwarten mich auf dem Halben.

Ein Munitionsbunker aus der Zeit des Kalten Krieges erinnert an blöde Zeiten. Unten, die in Roßbach wurden gesprengt, doch diese hier haben außen Asbest, innen Gummi. Hat viel gekostet, und wird noch viel kosten. Eigentlich lagern nur noch Motoren und Ersatzteile in diesem Bunker.

 
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Der direkte Weg bedeutet einen 12 km langen Anstieg zum Bilstein, dessen Namensgebung tatsächlich mit dem 100er von Biel zu tun hat. Es ist ein keltisches Wort, bedeutet „herausragend“ bzw „ über allem“ und weist namentlich zum Gott Belus (Baal).

Die mysteriösen Geschichten um Frau Holle, die dem Wanderpfad, den wir nun kreuzen, den Namen gegeben hat, sind weitaus älter, als das durch die Brüder Grimm bekannt gewordene Märchen. Frau Holle war eine germanische Mutter- und Baumgöttin. Holda erwählte den Holunder  als ihren Lieblingsbaum. Vielerorts brachte man dem Holunder auch Opfergaben, die bis hin zum Bierausschank reichten, um den Holunder bei guter Laune zu halten.

Schon von unten höre ich kräftige Töne des Musikzuges Kleinalmerode. Das ist der Hit. Und bei Klängen von „ Ole Toronto“ steige ich auf den Turm.  Es ist die Titelmusik vom „Letzten Mohikaner“. Auch wenn ich der Letzte beim HM bin, ich bin der Einzige, der hinauf auf dem Turm steigt.

 
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Der Turm brachte den Bilstein ins Weltgeschehen: Die Kaisergemahlin Auguste Victoria besuchte den Turm. Die Kaiserfamilie verbrachte jedes Jahr den Sommer, oder wenn es mal wieder politischen Zoff gab, die Zeit in Schloß Wilhelmshöhe in Kassel. Und am 6.  August 1907  setzte sich die Königin von Preussen  in den zitronengelben, offenen Daimler, um sich zum sagenhaften Bilstein fahren zu lassen. Zwar war sie von den sonntäglichen Schaufahrten durch den Berggarten in Kassel Kurven gewohnt, doch liess sie sich vorher einen direkten Weg,  eine schnurgerade Strasse, ohne großartige Kurven, auf den Bilstein bauen. Der Halbmarathon führt diese Strasse hinab.

Vom Turm großartiger Blick hinüber zum Berggarten in Kassel mit dem Herkules, dann weiter zum Brocken und in den Thüringer Wald. Wieder unten, kann ich Dank der Vorräte des Musikzuges den Holunder bei guter Laune halten. Noch weitere 5 km wird der letze Mohikaner die Musik hören können.

Unterhalb des Bilsteins, am vielarmigen Wegweiser, teilt sich die Strecke. Während die Marathon- und Ultraläufer in Serpentinen ins Tal laufen, nehme ich den kaiserlichen, den direkten Weg. Damals säumten tausende Menschen diesen Weg, als Auguste Victoria hier hinauf fuhr. Die Damen in dicken viktorianischen Kleidern mit ausladenden Hüten, die Männer im schwarzen Anzug. Ich dagegen heute in Funktionskleidung, die Wanderer  mit dicken Stiefeln und schwerer Outdoorkleidung.

Es ist ein warmer Frühlingstag mit wolkenlosem Himmel. Viele geschlagene Baumstämme liegen am Wegesrand, die Losnummern wurden komischerweise mit Frauennamen gekennzeichnet. Jeder Buchenstamm bringt mehr als 350 Euro. Erste Güte, so wie der BiMa, der Bilstein-Marathon, der mit einer neuen Extrarunde durch die blühenden Kirschfelder endet.

Im Ziel umarmt mich Ultraomi Anneliese. Nächstes Jahr wird sie mich wieder fragen: „Lockenköpfchen, was hast du in diesem Jahr aus deinem Leben gemacht? Ich sagte dir doch: nimm den direkten Weg!“

 

 

Informationen: Bilstein-Marathon
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