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Laufberichte

Triumph des Willens

30.06.02

Ich bin ganz sicher, sehr bald ein 100 km-Läufer zu sein.

 

Am Donnerstagabend bin ich mit meinem Laufkameraden Franz Feller, einem sehr erfahrenen 100 km Läufer, in Biel nach 4 bis 5 stündiger Autofahrt angekommen. Der Himmel war heiter und die Temperaturen waren sommerlich, was Franz ganz sympathisch fand, da das Rennen im vergangenen Jahr durch schwerste Regenfälle stark beeinträchtigt war.

 

Der Wetterbericht meldete für die nächsten Tage schwülwarmes hochsommerliches Wetter, was in mir sofort unangenehme Erinnerungen an den Hunsrück-Marathon des vergangenen Jahres wachrief. Ich laufe lieber bei kühleren Temperaturen und habe auch gegen Regen nichts einzuwenden, da dies gerade bei Ultraläufen eine gewisse Erleichterung durch Außenkühlung bedeutet.

 

Nun ja, es wird genommen wie es ist und ich hatte den festen Willen, die 100 km, die ich jetzt zum ersten Mal laufen wollte, auch durchzustehen. Einen festen Zeitplan hatte ich nicht erstellt, stellte mir aber vor, zwischen 14 und 15 Stunden das Rennen abschließen zu können.

 

Die Nacht im Zelt schlief ich sehr schlecht, da es sehr schwül war und sich etliche Campernach- barn bis spät in die Nacht sehr lautstark unterhielten. Am Morgen kaufte ich im nahe liegenden Supermarkt Proviant, der im wesentlichen aus Früchten und Getränken bestand. Den Vormittag verbrachte ich plaudernd mit Franz und einigen Bekannten von verschiedenen Marathons.

 

Am späteren Morgen stieg die Quecksilbersäule immer mehr an und es wurde immer schwüler. Schon bei völliger körperliches Untätigkeit hatte ich Schweißperlen auf der Stirn. Die Tatsache, dass es nun immer heißer wurde, erzeugte nun leichte Unruhe in mir. Franz tröstete mich, indem er mir sagte, dass ich sicherlich einen Spaziergang vor mir hätte, wenn ich bei langsamem Tempo laufen würde. Am Nachmittag holte ich meine Startnummer ab und hielt mich längere Zeit am Informationsstand des Sahara Marathons von Ulrike und Holger Finkernagel auf, wo unter anderem Videokassetten vom Sahara Marathon 2002 liefen, an dem ich im vergangenen Februar teilgenommen hatte. Ich kaufte mir auch noch dort Textilien und unterhielt mich mit Ulrike und Holger - beide sind äußerst liebenswürdige Menschen - längere Zeit prächtig.

 

Um meine Motivation, den Lauf zu packen, zu erhöhen, kaufte ich mir auf der Marathon-Messe ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Biel 100 km - Nacht der Nächte". Auch hatte ich zu Hause bei vielen Bekannten damit angegeben, dass ich 100 km laufen werde und dies auch sicherlich schaffen werde. Jetzt war ich gefordert und musste den Worten Taten folgen lassen. Gegen 20.00 Uhr legte ich meine Läuferkleidung, bestehend aus Nike-Trail-Schuhen, kurzen schwarzen Hosen und schwarzem Shirt aus Funktionsfasern sowie schwarzer Kappe mit Nackenschutz

(= Legionärskappe) an. Ich sah imposant aus und erregte allenthalben Aufmerksamkeit, da ich des öfteren danach gefragt wurde, ob ich Marathon des Sables- Teilnehmer sei, wobei ich stets antwortete, dass ich nur den 42 km langen Sahara Marathon in Algerien gefinisht hätte.

 

Um 09.00 Uhr begann ich innerlich sehr unruhig zu werden. Ich hatte zwar vor 4 Wochen den Rennsteig Supermarathon hinter mich gebracht, der ca. 75 km lang war, aber jetzt sind noch weitere 25 km zu bewältigen und es war immer noch sehr warm und schwül.

 

Um 09.30 Uhr reihte ich mich dann ungefähr zu Beginn des letzten Drittels am Start ein. Überall sah ich erwartungsfrohe Gesichter. Es waren Läufer und Läuferinnen aus vielen Ländern, von 18 bis über 80 Jahren. Etliche Soldaten in Tarnuniformen der Schweizer Armee und sogar Bundeswehr waren anwesend. Auch sichtete ich den absoluten Marathonweltmeister, Horst Preisler (er hat über 1.100 Marathon- und Ultraläufe absolviert).

 

Mit Verwunderung sehe ich einige Läufer am Start, die Zigaretten rauchten und machte mich insgeheim lustig über manche, die meinten, sich warm laufen zu müssen. Auch fiel mir wieder diese Frau mit dem Eishockeyschläger auf, die 4 Wochen zuvor die 75 km vom Rennsteig gemeistert hatte. Eine Dame mit Schäferhund stand in meiner Nähe. Der Hund war total aufgeregt, bellte und hechelte und ließ seine Zunge 30 cm aus dem Maul hängen. Ich begann ein Gespräch mit ihr und teilte ihr meine Besorgnis mit, dass der Hund wegen des heißen Wetters die Strecke nicht schaffen könnte und er jetzt schon unbedingt Wasser brauche. Sie sagte, dass wir bald an Brunnen vorbeikommen würden, wo das Tier genug trinken könne.

 

Nun waren es nur noch wenige Minuten bis 22.00 Uhr. Es ist Abenddämmerung, absolut windstill und schwülwarm. Leichte Schweißperlen laufen mir vom Gesicht, ohne dass ich auch nur einen Meter gelaufen bin. Um mich herum wartet alles sehnsüchtig auf den Startschuss, der auch pünktlich abgefeuert wird.

 

Das Rennen beginnt. Etwa 3.000 Läuferinnen und Läufer setzen sich in Bewegung. Bei mir im letzten Drittel beginnt man sogleich im leichten Trab, wird aber bald wieder von den Vorderleuten abgebremst und zum Gehen gezwungen. Nach 2 bis 3 Minuten können wir dann joggen und überqueren den Start-Zeitnahmeteppich, der unsere Chips mit lauten Piepslauten aktiviert. Endlich, es ist soweit.

 

Die innere Unruhe ist wie weggefegt. Ich laufe in Begleitung von 2 Frauen, die ich von früheren Marathons her kenne. Die Strecke führt jetzt ca. 5 km durch Biel. Die Stadt ist hell beleuchtet und überall sind Zuschauer, die uns bestaunen und klatschen. Wir laufen im 6er Schnitt, was mir in Erwartung der vielen, vielen Kilometer, die zu bewältigen sind, zu schnell erscheint. Ich mahne bei meinen Mitläuferinnen Besonnenheit an und verlangsame mein Tempo. Elisabeth geht auf mich ein, die andere verlieren wir schnell aus den Augen.

 

Nach ca. 5 km erreichen wir den See, wo im Rahmen der Schweizer EXPO 2002 eine futuristische Holzbrücke errichtet wurde. Unser Weg führt nun genau über diese Brücke, wo wir 100 km-Läufer(Die Helden der Nacht) von abertausenden von Zuschauern mit Ovationen bedacht werden. Das tut richtig gut, der Laufstil wird noch eleganter, die Brust breiter und der Hals länger. Auch wird zur gleichen Zeit ein Feuerwerk gezündet. Die Sichtverhältnisse sind recht gut.

 

Wir verlassen den See und laufen durch das südliche Biel, wobei mir auffällt, dass hier französisch gesprochen wird. Jetzt geht es leicht und auch mal stärker bergauf und an den exponierten Stellen stehen viele Zuschauer, die uns enthusiastisch anfeuern. Immer wieder muss ich darauf achten, nicht zu schnell zur werden, zumal ich jetzt sehr stark schwitze, denn es ist immer noch sehr warm und kein Windhauch zu spüren. So ca. 7 km sind geschafft; nun bin ich eingelaufen und fühle mich leicht und locker. Mit Elisabeth unterhalte ich mich prächtig. Jetzt geht es recht steil bergauf, so etwa wie beim Eifel-Marathon bei Biersdorf. Wir gehen und erreichen bald den Ort mit Namen Jens, wo das 10 km-Schild steht. Ca. eine Stunde und 20 Minuten sind vergangen, also eine akzeptable Zeit.

 

Mittlerweile ist es richtig dunkel geworden, es zeigt sich nur eine ganz dünne Mondsichel am Himmel und die Leuchtkraft der Sterne ist auch nur bescheiden. Wir befinden uns auf einer Autostrasse, die für den Verkehr gesperrt ist, zwischen Wiesen., und Feldern und stets geht es bergauf. Die meiste Zeit gehen wir. Und doch sind wir auf der Überholspur. Nur ganz wenige Läufer sind schneller als wir. Elisabeth scheint jedoch einen anderen Laufrhythmus zu haben; sie ist schneller als ich mich im Wohlfühlbereich weiterbewegen kann und mir fällt es schwer, ihr Tempo zu halten. War mein Übungsmarathon vor genau 6 Tagen vielleicht doch nicht das Richtige? Oder war die Flasche Rotwein 2 Tage zuvor zuviel?

 

Ich sage Ihr, dass mir ihr Tempo Mühe bereitet, sie jedoch ruhig ihren Rhythmus laufen soll und auf mich keine Rücksicht nehmen muss. Mich also verlassen kann. Jetzt verlangsamt sie ihr Tempo. Es gibt nun wieder ebene Strecken und auch abfallende Stellen, wo ich schneller werde, da ich bergab mühelos schneller laufen kann als sie. Wir entfernen uns voneinander, kommen aber immer wieder zusammen an Steigungen, wo sie schneller ist als ich. Wir unterhalten uns gut und alles geht fast problemlos. Wenn nur diese Schwüle nicht wäre, denn ich höre einfach nicht auf zu schwitzen und bedingt durch die hohe Luftfeuchtigkeit verdunstet der Schweiß nicht.

 

Der erste Dorfbrunnen taucht auf, ich kühle meinen Kopf, Hände und Arme und wässere meine Mütze. Aaah, das verschafft angenehme Linderung. Kurz vor der 20 km-Marke verliere ich bei einem Anstieg Elisabeth endgültig aus den Augen.

 

Der Brunnenabkühleffekt ist schon wieder dahin, der unangenehme Schweiß ist wieder da. Soeben hat sich ein ganz großes Insekt auf meinen Hals gesetzt. Ich schlage danach, "Aua" ein wüster Schmerz durchzuckt meinen Hals, es war eine Pferdebremse.

 

In Aarberg befindet sich eine Verpflegungsstelle, wo ich drei Becher Wasser trinke und einige Grapefruitscheiben esse. Ich bitte einen Läufer, aus meinem Rucksack ein Power-Gel für mich und auch eines für sich zu entnehmen. Er erfüllt meinen Wunsch und bedankt sich. Er meint, dass heute große Probleme auf ihn zukommen würden, da für ihn die Temperatur um 10 Grad zu hoch seien und sein Körper nicht mehr abkühlen werde und das um 00.45 Uhr. Auch ich bemerke erste Anzeichen von Müdigkeit. Wenig später taucht das Schild 20 km auf. Zum ersten Mal in meiner 2jährigen Marathon-Karriere (dies ist jetzt der 28. Langstreckenlauf = 24 Marathons, 1 Supermarathon 60 km, 2 Supermarathons 74,3 km und jetzt die 100 km) habe ich große Befürchtungen, dass ich es nicht schaffen werde.

 

Es geht jetzt weiter über gut ausgebaute Feldwirtschaftswege. Ab und zu haben Läufer Taschenlampen in der Hand. Ich komme ohne künstliches Licht zurecht, das diffuse Sternenlicht genügt mir, zumal etwa alle 500 m Taschenlampen am Wegesrand angebracht sind, die blinkend auf den Streckenverlauf verweisen. Mittlerweile ist es schon 01.30 Uhr und es ist immer noch warm. Ich schwitze ständig, es kommen keine Dorfbrunnen mehr und ich werde immer müder.

Der Streckenverlauf ist jetzt zum größten Teil eben und ich bewege mich langsam trabend voran. Ab und zu werde ich von anderen Läufern überholt und überhole selbst welche. Überholen und Überholtwerden hält sich die Waage. Mein Kommunikationsbedürfnis ist nicht mehr vorhanden. Auch die anderen Läufer sind nicht gesprächig. Müdigkeit scheint jetzt Allgemeingut zu sein. Jetzt taucht das Schild 25 km auf. Oh je, erst ein Viertel der Strecke ist gepackt. Es ist immer noch warm und mich packt Endzeitstimmung. Kurz darf kommt wieder eine Verpflegungsstelle, wo ich gleich zwei Powergels esse und viel Wasser trinke. Es ist immer noch leidlich flach und ich jogge die meiste Zeit .

 

Jetzt habe ich den Eindruck, es würde kühler werden. Meine Laune bessert sich, bin nicht mehr so müde. Das Powergel scheint jetzt zu wirken und oh Freude, ich habe mit dem Schwitzen aufgehört. Entspannt laufe ich nun etwas schneller im wirklichen 'Wohlfühltempo und genieße zum ersten Mal die Nacht. Nase und Ohren gewinnen nun als Sinnesorgane an Bedeutung. Es ist hier eine Gegend mit vielen Teichen und tausende Frösche quaken. Es folgen frisch gemähte Wiesen mit angetrocknetem, unberegnetem Heu. Es duftet wunderbar. Überhaupt, es ist grundsätzlich alles sehr schön hier. ich muhe den neben dem Weg liegenden Kühen zu. Jetzt bin ich sicher, dass ich das Rennen schaffen werde, führe Selbstgespräche, lasse Sprüche Ios, ich bin im "Runners High". Bald sind die 30 km geschafft. Es ist 02.50 Uhr und es kommt wieder eine Verpflegungsstelle, wo ich einen Powerriegel esse, zwei Becher Isogetränke zu mir nehme und einige Grapefruitscheiben esse.

 

Im Hintergrund sehe ich die Frau mit dem Hund. Ich gehe zu ihr hin. Sie sagt, für sie sei das Rennen zu Ende, der Hund kann wirklich nicht mehr weiter: Ich bin erfreut über ihre Einsicht, wünsche ihr alles Gute und mach mich wieder trabend auf den Weg.

 

Es kommt ein leicht welliges Gelände, das zum größten Teil an einem Waldrand vorbeiführt. Joggen wechselt mit schnellem Gehen usw. Es ist merklich kühler und ich schwitze schon lange nicht mehr. Alles geht jetzt völlig problemlos. Von Müdigkeit ist keine Spur mehr. Kilometer 35 ist geschafft. Aha, also mehr als ein Drittel. Ich denke, wenn altes so bliebe wie jetzt, ist dieses Rennen wirklich leichter als ein normaler Marathon. Welch ein Trugschluss!!!

 

Ein Läufer, ungefähr in meinem Alter, gesellt sich zu mir. Er ist ganz schlechter Laune und schimpft über die Schweizer Rennleitung. Er sagt, wenn nun km 40 kommen würde, wären es mindestens 43 km. Er gibt noch einige andere Ungereimtheiten zum Besten. Da ich mir meine immer noch gute Laune durch ihn nicht kaputt lassen will, erhöhe ich mein Tempo und lasse ihn hinter mir (ich habe ihn nicht wieder gesehen).


Es ist jetzt gegen 04.00 Uhr und in einer kleinen Ortschaft ist ein Zeitnahmeteppich ausgelegt. Aha, also eine Kontrollstelle. Dahinter ist ein Richtungspfeil geradeaus mit Angabe 100 km und einer mit Exit. Drei Läufer liegen auf der Exitbank. Schlappschwänze denke ich und setze meinen Weg fort. Kurz darauf kommt der Ort Oberramsern, das 40 km-Schild und noch immer gibt es Zuschauer, die zum größten Teil angetrunken sind. Dort gibt es wieder eine Verpflegungsstelle, wo ich zum ersten Mal warme Bouillon zu mir nehme. Welch eine Wohltat dieses würzige und salzige Getränk, denn mittlerweile hängt mir der Süßgeschmack von Powergel, Isodrinks und Co. aus dem Hals, heraus.

 

Auch gibt es dort eine große Scheune in der sich Läufer massieren lassen. Es haben sich davor Warteschlangen gebildet. Kurz überlege ich, beschließe dann aber weiterzulaufen, da von meiner Massageerfahrung beim Rennsteiglauf es nur eine momentane und nicht anhaltende Erfrischung bedeutet. Es lohnt sich einfach nicht, auch noch darauf zu warten.

 

Es geht weiter über Wiesen und Felder, bergauf und bergab, wobei bergauf immer gehen und bergab joggen bedeutet. Langsam setzt die Dämmerung ein. Angenehme Heugerüche wechseln leider mit äußerst unangenehmen, die Nase beleidigenden Schweinegüllegerüchen ab. Es geht jetzt bergauf durch einen dichten Wald und es ist jetzt wieder ziemlich dunkel. Nach Durchqueren des Waldes wird eine Anhöhe erreicht, es kommen Wiesen, es wird hell und von weitem sieht man die monumentale Silhouette der Schweizer Gletscherwelt: Es riecht nach taufrischem Morgen und mittlerweile hat ein vielhundertstimmiges Vogelkonzert begonnen. Es überkommen mich regelrecht Glücksgefühle. Nur schade, dass ich jetzt alleine laufe, bin jetzt wieder kommunikationsfreudig und würde gerne wieder angenehme Gespräche führen. Das 45 km Schild kommt. Gott sei Dank, jetzt ist mehr als ein Marathon geschafft .

 

Ich fühle mich immer noch wohl und mittlerweile ist es taghell. Ein total wolkenfreier Himmel verspricht einen sonnenreichen Tag, was mich etwas beunruhigt, da Sonne pur Hitze bedeutet mit den Unannehmlichkeiten Schweiß, Durst, Sonnenbrand und Co. Ich setze wieder meine Legionärskappe auf, die ich über Nacht in meinem Rucksack verstaut hatte. Über welliges Gelände geht es dann zur Ortschaft Münchringen, wo ich erst mal wieder meinen Kopf unter den Wasserstrahl eines Dorfbrunnens halte und kurz darauf eine weitere Verpflegungsstelle erreiche. Ich trinke zwei Becher Bouillon und zwei Becher Wasser. Die Reise geht weiter. Hinter einer Kurve kommt dann das 50 km-Schild. Es geht gerade die Sonne auf. An einem Hügel werde ich jetzt von zwei Soldatinnen des Schweizer Heeres überholt, die die ganze Strecke nur marschiert sind. Mit einem sehr, sehr flotten Schritt. Als es denn bergab geht, überhole ich sie wieder.

 

Es kommt jetzt wieder Müdigkeit auf und das leichte Traben hat sich in schwerfälliges, schlürfendes Laufen verwandelt Ich werde jetzt von etlichen Läufern überholt und überhole selbst nur selten. Gehe also schon wieder einer Schwächephase entgegen. Obwohl es noch nicht richtig warm ist, schwitze ich schon wieder. Kommunikationslust existiert nicht mehr. Jetzt habe ich auch noch den Drang meinen Darm zu entleeren und tue es in einem Wäldchen. Ich habe weder Toilettenpapier noch Taschentücher dabei und bekomme innerhalb kurzer Zeit den Wolf. Das fehlte mir gerade noch. Meine Laune verschlechtert sich zusehends.


Das 55 km-Schild erreiche ich so gegen 06.30 Uhr im Schlürfschritt. Starke Selbstzweifel keimen auf. Zwei Bundeswehrsoldaten in Springerstiefeln, ein Oberleutnant, der mein Sohn sein könnte und ein Oberfeldwebel von ca. 40 Jahren überholen mich. Im Barrasjargon fragt mich der Oberleutnant nach meinem Befinden; im Barrasjargon antworte ich: "Nicht besonders gut, aber ich will es schaffen und deshalb werde ich es schaffen." "Das ist die richtige Einstellung" entgegnet er und wünscht mir alles Gute, was ich ihm auch wünsche.

 

Mit dieser kernigen Aussage lindere ich etwas meine Selbstzweifel. Schwerfällig bewege ich mich weiter und muss sogar im flachen Gelände Gehpausen machen. Ich. erreiche einen Läufer in meiner Altersgruppe, versuche mit ihm zu reden, doch er kann kein Deutsch, auch kein Englisch und auch kein Französisch. Es scheint ein Slawe zu sein. Er sieht in mir einen Konkurrenten und erhöht seine Gehgeschwindigkeit. Ich lasse ihn vorerst ziehen. Einige hundert Meter später kommt ein Gefälle und ich überhole ihn joggend. Als kurz darauf es wieder bergauf geht, überholt er mich durch schnelleres Gehen. Hu, das Rennen wird härter und härter. Ich schwitze wieder sehr. Trotzdem habe ich die Herausforderung angenommen. So überhole ich ihn ständig im Gefälle und er mich am Berg. Dadurch sind wir beide etwas schneller, als wenn wir alleine laufen würden. Ob das gut ist??? Nun gut, wir haben also jetzt ein Rennen im Rennen, und tatsächlich konzentriere ich mich jetzt darauf, beim Hügelablauf immer schneller zu sein. Es tut nicht gut und das Fortbewegen fällt mir schwerer und schwerer. Es ist jetzt kurz nach 07.00 Uhr und es gibt wieder einen Zeitnahmeteppich. Dahinter wieder ein Pfeil mit Angabe 100 km geradeaus, rechts ab Exit. So ca. 10 bis 12 Läufer lümmeln sich schon auf den Exitbänken. Mein innerer Schweinehund sagt zu mir. "Oh, wie schön; gehe rechts ab und lege Dich auf eine Bank, trinke ein Bier und lasse Dich zurückfahren, denn Du hast ja schon fast 60 km. Warum und für wen willst Du denn 100 km laufen? Mache es Dir schön und zwar jetztl!!"

 

Ich gehe geradeaus und kurze Zeit später erreiche ich den großen Verpflegungspunkt Kirchberg. Dort ist ein großer Parkplatz, wo viele Angehörige von Läufern stehen und diese mit neuen Kleidungsstücken, Spezialgetränken und Speisen versorgen, Ich trinke wieder zwei Bouillons, 2 Becher Wasser und esse einige Grapefruitstückchen. Mein Rennkontrahent taucht auf, stellt sich neben mich und stößt mit einem Becher Wasser mit mir an. Ich esse eines von meinen Powergels und biete ihm auch eines an, das er annimmt.

 

Ich beende die Pause und beginne wieder mit dem Joggen. Er joggt wortlos neben mir her. Er sagt nie ein Wort. Vielleicht ist er taubstumm, denke ich. Es geht durch das Industriegebiet von Kirchberg und bald taucht die 60 km-Marke auf, die ich mit einem lauten Hurra begrüße. Er nimmt keine Notiz von meinem Freudenschrei. Also doch taubstumm, stelle ich fest.

 

Unser Lauf führt nun durch einen Waldweg an einem Fluss entlang. Es ist jetzt der berüchtigte Ho-Tschi-Minh-Pfad erreicht.

 

Es geht jetzt vornehmlich bergab und bald habe ich meinen "taubstummen" Gegner außer Sichtweite hinter mir gelassen. Es ist schattig und angenehm kühl. Ich fühle mich wieder besser und kann schneller laufen. Immer warte ich jetzt auf die knorrigen Wurzeln, spitzen Steine und andere Unebenheiten, die diese Wegstrecke doch mit sich bringen soll. Es kommen so gut wie keine. Der Weg ist frisch geebnet und gesplittet. Dem Ho Tschi-Minh-Pfad sind also zwischenzeitlich die Zähne gezogen worden.


Meinen persönlichen Kontrahenten sehe ich nicht wieder, habe also dieses private Rennen gewonnen. Aber bald werde ich wieder mehr überholt als ich selbst überhole. Das Laufen fällt mir immer schwerer. Mein innerer Schweinehund ist wieder aktiv und will mir weis machen, dass ich das Rennen diesmal nicht schaffe. Da ich bereits die letzte Marathondistanz begonnen habe, obsiegt jedoch die Zuversicht.

 

Unter einer Betonbrücke kommt jetzt eine Verpflegungsstelle, wo ich wieder Bouillon und Isostar zu mir nehme. Einen Becher Wasser nehme ich mit. 20 m hinter der Verpflegungsstelle befindet sich ein Biergarten, wo mir schon früh am Morgen zwei Betrunkene zuprosten. Ich nehme meinen Wasserbecher, nehme meine Kappe ab und gieße mir das Wasser über den Kopf.

 

Es geht jetzt ganz flach und kerzengerade über einen Damm, links davon der Fluss .und rechts ein Kanal. Vor mir bückt sich ständig ein Läufer und ich sehe, er isst Walderdbeeren. Ich rücke auf und will ihn vor dem Fuchsbandwurm warnen, doch er spricht kein Deutsch und versteht mich nicht. Kurz vor 10.00 Uhr sind 65 km geschafft .

 

Also nur noch ein Drittel. Wieder kommt große Finisherzuversicht auf. Die Finisherzeit ist mir übrigens mittlerweile piepegal. Von den ursprünglich in Erwägung gezogenen 13 bis 15 Stunden ist keine Rede mehr. Es geht im Schlürf-Laufschritt weiter über flache Wege und die Beine werden schwerer und schwerer. Die Erdanziehungskraft scheint an diesem Platz der Erde um ein vielfaches stärker zu sein. Es ist schattig und kühl und trotzdem rinnt der Schweiß. Und schon wieder werde ich von einer Pferdebremse gestochen. Jetzt überholt mich eine ganz junge Frau, ein intelligentes Gesicht; jedoch für eine Langstreckenläuferin einen unmöglich riesigen Hintern mit ganz dicken Oberschenkeln. Ihr Laufstil Ist extrem unökonomisch und kräftezehrend. Dieser Mensch muss über eine geradezu unmenschliche Willenskraft verfügen.

 

!n der Ferne höre ich Maschinengewehrfeuer, also muss in der Nähe ein Truppenübungsplatz sein. Den Schlürf-Laufschritt habe ich mittlerweile in Schlürf-Gehen verwandelt, obwohl das Gelände fast flach ist Mir fällt also schon die geringste Steigung schwer. Es geht über Waldwege, wo jetzt einem auch immer öfter einheimische Spaziergänger entgegenkommen, die mich interessiert mustern. Ich reiße mich zusammen und versuche eine gute Figur zu machen. Bei den nächsten Kilometern überhole ich niemanden und werde auch nicht überholt. Ich sehe keinen Läufer mehr. Jetzt mache ich mir Sorgen, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Da es keine Alternative gibt, laufe ich weiter. Irgendwann taucht dann doch tatsächlich eine Verpflegungsstation auf. Hier schütte ich mir sekundenschnell drei Beider Wasser in die Kehle, was die beiden anwesenden Helferfrauen humorvoll kommentieren. Die 70 km-Marke käme nach 100 m, so sagen sie und ich freue mich darüber. Tatsächlich ist, es aber doch noch viel weiter. In einem großen Ort kommt nun doch die 70 km-Marke und nun ändert sich radikal die Himmelsrichtung. Es geht jetzt also wieder zurück nach Biel.

 

Es geht auf einer Autostraße weiter. Glücklicherweise mit nur wenig Verkehr. Ich werde immer langsamer und werde jetzt ständig überholt. Bedauerlicherweise auch von Läufern mit nicht sehr sportlichen Figuren. Einer davon hat sogar einen dicken Bierbauch. Starke Selbstzweifel melden sich jetzt wieder bei mir. An Privatwettkämpfe ist nicht zu denken, dafür sind im Moment keine Kräfte verfügbar. Ich lasse mich widerstandslos überholen und höre in der Ferne wieder das  Maschinengewehrfeuer.

 

An einer kleinen Ortschaft geht es einen Weg nach rechts ab und kurz darauf gibt es wieder eine Verpflegungsstelle, wo ich wieder Bouillon trinke. Ein netter Helfer gießt mir auf meinen Wunsch hin Wasser über den Kopf. Langsam gehend geht es weiter. Eine junge Frau überholt mich. Sie trägt zwei Krücken auf der Schulter. Ich frage Sie, ob sie mir eine leihen könnte, sie bekäme sie ja im Ziel wieder. Sie verneinte mit der Begründung, dass sie nun zum dritten Mal am Bieler 100 km-Lauf teilnehmen würde und sie beide Krücken nach 90 km unbedingt bräuchte. Mittlerweile ist es schon wieder warm geworden, was die bleierne Schwere in den Beinen nur noch verstärkt.

 

So gegen 11.40 Uhr ist nun die 75 km-Marke erreicht. Hurra, drei Viertel der Strecke sind jetzt geschafft. Jetzt greife ich nach meinem Spezialgetränk. Es hat den Markennamen "Red Kick" und besteht aus Extrakten der indischen Guaranawurzel und viel Koffein. Nach wenigen Minuten ändert sich mein Zustand tatsächlich ganz entscheidend (wohlgemerkt, ich bin kein Generalvertreter von Red Kick) und ich kann wieder flott laufen. Ich bin wieder auf der Überholspur, fühle mich stark und kassiere einen Läufer nach dem anderen ein. Ich selbst werde von keinem mehr überholt. Große Freude und Stolz kommen auf.

 

Viel schneller als sonst kommt die nächste km-Marke, die 80 nämlich. Es geht einen sehr steilen Berg hinauf, an dessen Hang der Ort Gossliwil liegt. Zuerst kommt ein Sanitätszelt mit Bahren, auf denen etliche Läufer wie im Koma liegen. Ich sehe, es ist auch der Bierbauchige darunter. Er hat die Augen geschlossen. Wenige Meter dahinter kommt wieder eine Verpflegungsstelle, wo ich gleich drei Bouillons trinke, denn das Red Kick, das ich ständig in kleinen Schlucken einnehme, ist widerwärtig süß.

 

Schnell, mit lockerem Schritt geht es weiter. Auch hier gibt es wieder einen Aussteigeplatz mit Richtungspfeil nach rechts. Ich beachte ihn nicht. Die Zuschauer im Ort wundern sich über meine Fitness. Der Kamm des Berges ist schnell erreicht und ich beginne mit lockerem Joggen. Jetzt überhole ich endlich die junge Frau mit dem breiten Gesäß und den dicken Oberschenkeln. Auch sie wundert sich über meine neu erwachte Kraft und Schnelligkeit, indem sie mir nachruft: Very powerfull.

 

Von nun an gehts bergab und zwar steil im 6er Schnitt hinunter nach Arch. Ständig werden Läufer überholt. Ich fühle mich leicht und besser als nach 20 km und das nach km 80. Jetzt staune ich über mich selbst. Den ganzen Berg hinunter befand ich mich im Schatten von Mischwald. Aber jetzt im Ort spüre ich wieder sofort die schwüle stechende Hitze des Bieler Talkessels. Gott sei Dank gibt :es auch hier wieder einen Brunnen, wo ich mein Haupt wässern und meine Kappe baden kann. Es gibt wieder eine Getränkestelle, wo ich zwei Becher Pepsi Cola zu mir nehme. Mein Red Kick Vorrat ist mittlerweile aufgebraucht. Es geht über die Aare-Brücke und an einer Autobahn vorbei. Noch immer bin ich auf der Überholspur, obwohl ich jetzt die starke Sonneneinwirkung auf Waden und Gesicht verspüre. Au weia, denke ich, das gibt Sonnenbrand. Dank Legionärskappe bleibt wenigstens der Nacken verschont.


Die Autofahrer auf der parallel verlaufenden Autobahn schauen nach uns in einer Weise, als seien wir Mondkälber. Sie denken sicherlich, aha, jetzt kommen die Narren zurück. Noch immer kann ich flott laufen und überhole nur. Jetzt erreiche ich das Schild 90 km, bin immer noch nicht erschöpft und außerordentlich stolz. Hurra, ich bin ganz sicher, sehr bald ein 100 km-Läufer zu sein.

 

Wenige Minuten später geschieht in meinem Körper etwas ganz Merkwürdiges. Ganz schnell werden die Beine schwer, der Kopf sehr müde und die Sonne fängt an richtig weh zu tun. Ich bin in ein ganz tiefes Loch gefallen - sinnbildlich. An Laufen ist nicht mehr zu denken. Das Gehen fällt mir unsagbar schwer und ich habe das Gefühl, in der Mitte auseinander zu brechen. Der Schweiß läuft in Strömen die Stirn hinunter. Meine Augen schmerzen und ich merke, dass ich mich nur noch wankend fortbewegen kann. Kein Dorfbrunnen zur Kopfwässerung kommt mehr. Ich werde jetzt wieder überholt, sogar von einem Jogger. Ich rufe ihm anerkennend "Bravo" zu. Ein älterer Mann schlürft mit glasigen Augen vornüber gebeugt an mir vorbei in Begleitung einer älteren Fahrradfahrerin. Anscheinend seine Frau. Ich Sage "Hallo", doch es erfolgt keine Resonanz. Die Frau sagt mir, er wäre bereits im Trancezustand wie jedes mal in den letzten 5 Jahren an dieser Stelle. Sie selbst wäre schon mehrmals Altersklassensiegerin gewesen und bietet mir eine Flasche kalte Coca-Cola aus ihrem Kältebeutel an, die ich dankend annehme.

 

Trotz Coca-Cola werde ich immer müder und ich glaube, dass ich im Leben noch nie so langsam gegangen bin. Und trotzdem überhole ich noch Läufer, besser gesagt Kriecher.

 

Die Landschaft ist trostlos, kein Baum, kein Strauch und ich schleppe mich auf einem unebenen Schotterweg unsäglich schwerfällig und langsam weiter. Es wird immer heißer, es sind bereits um die 30 Grad und es ist schrecklich schwül. Ich bin nun auf der Höhe eines ca. 18 bis 20jährigen Mannes angelangt. Er hadert sehr mit seinem Befinden, bezeichnet sich als Idioten und schwört bei Gott, so etwas nie wieder zu tun. Sehr gerne würde er jetzt abbrechen. Ich fordere ihn auf, dies nicht zu tun, jetzt bei ungefähr 93 oder 94 km. Er würde sich später sicherlich arge Vorwürfe machen, jetzt praktisch in Zielnähe das Handtuch geworfen zu haben. "Mir ist jetzt altes, aber auch wirklich alles egal, ich habe überhaupt keinen Ehrgeiz mehr, ich will nur aus dieser Scheiße hier raus", sagt er. Ich lasse ihn hinter mir.

 

Es dauert unvorstellbar lange, bis nun endlich die 95 km-Marke kommt. Doch sie kommt. Ein schwaches Hurra. Jetzt wird ja vieles leichter, so denke ich, denn nun ist ja jeder einzelne km markiert. Doch die Sonne brennt und es gibt nirgends Schatten. Ich fürchte, dass man mir morgen die Haut an Armen und Beinen abziehen kann. Im Kriechgang geht es weiter, warte jetzt auf die 96 km-Marke.

 

Sie kommt und kommt nicht. Ei, diese Schweizer sind Betrüger, so mutmaße ich. Sie machen aus einem Kilometer deren drei. Mir fällt ein Alptraum ein, den ich in meiner Kindheit sehr oft träumte. Ich renne, komme nicht weiter, werde von unsichtbaren Fesseln zurückgehalten. Fast glaube ich, dieser Alptraum hat Realität angenommen. Doch ganz plötzlich hinter einer Senke ist die 96 km-Marke da. Na, noch 4 km, die werde ich doch wohl auch noch schaffen. Im Notfall, so beschließe ich, versuche ich es auf allen Vieren. Doch dazu kommt es nicht.

 

Nach einer langen Zeit des Voranschleppens erreiche ich eine Stelle mit Flaggen der verschiedenen Teilnehmerländer und höre in der Ferne die Durchsage des Zielsprechers. Jetzt komme ich in die Stadt, viele Leute klatschen, rufen Bravo. Nach einer Kurve noch 50 m und ich sehe das Ziel. Es erscheint mir schon fast wie eine Fata Morgana. Viele Leute stehen da, klatschen und einer ruft mir zu, ich solle doch laufen.

 

Durchs Mikrofon verstärkt höre ich meinen Namen, meinen Wohnort und den Namen meines Vereins ganz unwirklich, so als wäre ich Fernsehzuschauer. Ich schaffe es tatsächlich wieder zu laufen, ganz elegant, Brust raus, Bauch rein, Hals lang und überquere die Ziellinie. Ich habe es geschafft und bin 100 km-Läufer.

 

Tränen der Rührung rinnen mir über die Wangen.

 

Es ist der Triumph des Willens ...

 

Informationen: Bieler Lauftage
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