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Laufberichte

In Berlin ist's auch bei Regen schön

26.09.10
Autor: Klaus Duwe

Innsbrucker Platz (km 24), seit jeher eine Stimmungshochburg. Auch heute ohrenbetäubende Trommelwirbel, Trillerpfeifen, Tröten und Gekreische und massenweise Zuschauer. Natürlich ist ein ganz bestimmter Balkon wieder mit den alten Streckenschildern geschmückt und mit hübschen Mädels bestückt, die ausgelassen sich und die Läufer feiern. Rockig geht es weiter, alle paar hundert  Meter eine andere Band und viele Zuschauer und Kinderhände, die abgeklatscht sein wollen.

Südwestkorso und Lentzeallee habe ich allerdings in ganz anderer Erinnerung. Und beim Wilden Eber (km 28) war auch schon mehr los. Zwar macht die Samba-Gruppe mächtig Dampf und die Mädels sind wie immer eine Augenweide, aber Zuschauer waren schon mehr da und entsprechend war auch die Stimmung besser. Wer’s nicht anders kennt, ist trotzdem begeistert.

Stefan zum Beispiel, von dem muss ich Euch erzählen. Er macht heute zusammen mit seiner Frau und einigen Arbeitskollegen seinen ersten Marathon. Und vielleicht bin ich daran nicht ganz unschuldig. Jedenfalls habe ich vor ungefähr 2 Jahren eine neue Druckerei für das Printmagazin gesucht und auch bei Bechtle in Esslingen angefragt. Wer die Bild-Zeitung druckt, dachte ich mir, kann auch das. Stefan Zimmermann ist dort im Vertrieb mein Ansprechpartner. Als Läufer, so argumentierte er, sei er besonders an dem Auftrag interessiert. Geschickt gemacht hatte er das, er bekam den Auftrag.  Natürlich las er auch die Laufberichte. Manche, so sagt er, könne er fast auswendig. Marathon, das wäre auch was für ihn. Er gab das Heft an Kollegen weiter und entfachte sofort Begeisterung. So  kam es zur Laufgruppe „bechtle (s)prints“, Trainingsziel: Marathon Berlin 2010.

Wir wollen uns treffen, entweder beim Frühstückslauf oder auf der Messe. Es klappt nicht. Jetzt bei km 30 laufen wir uns über den Weg. Ich glaub es nicht. Super sieht er aus, der Stefan. Wie ein alter Hase hat er alles richtig gemacht: Ruhig angehen, schauen was geht, dann durchziehen und wenn möglich eine Schippe drauflegen. So kommt er mit 4:42 und ziemlich konstanten Zwischenzeiten ins Ziel. Auch seine Kumpels dürfen sich jetzt Marathonis nennen, ich gratuliere.

Es hat aufgehört zu regnen. Jetzt stecke ich den Fotoapparat nicht mehr weg. Über Hohenzollerndamm und Konstanzer Straße erreichen wir den Kurfürstendamm (km 33,5). Ehrlich, der ehemaligen Prachtstraße ist die Wiedervereinigung nicht gut bekommen. Viele edle Geschäfte haben Unter den Linden eine neue Adresse gefunden. Streckenweise gleicht der Ku’damm den gesichtslosen Einkaufsstraßen mittelprächtiger  Städte. Uns soll’s egal sein, wir sind zum Laufen da, nicht zum Shoppen. Bestenfalls noch zum Feiern. Und dafür taugen die knapp zwei Kilometer heute bestens.

Vor uns taucht eines der bekanntesten Wahrzeichen Berlins auf, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Im Krieg wurde die 1895 eingeweihte Gedächtniskirche, wie sie kurz genannt wird, fast völlig zerstört. Anstatt sie abzureißen und wiederaufzubauen entschloss man sich, die Turm-Ruine als Kriegsmahnmal zu erhalten und daneben einen modernen Neubau zu errichten. Was damals für heftige Diskussionen sorgte, steht heute unter Denkmalschutz. So ist das im Leben.

2002, bei meinem ersten Marathon, war hier das Ziel. Heute sind noch 7 Kilometer zu laufen. Nicht schlimm, ich habe noch nicht genug, das Massageangebot bei km 36 schlage ich großzügig aus. Andere sind schlechter dran, viele sind am Gehen. Jeder wie er kann, gut drauf sind sie alle. Lieber einen Gang zurückschalten, als sich überfordern. So ist es richtig.

Bis zum Potsdamer Platz (km 38) ist es nicht weit, hier steigt die nächste Party. Bis zum Fall der Mauer war hier Niemandsland, Todesstreifen, dann Europas größte Baustelle und heute haben hier 10.000 Menschen ihren Arbeitsplatz.

„Geile Sau, noch 3 km“, eine als Krankenschwester verkleidete Rothaarige hält mir das Schild vor die Linse. Jetzt nicht ablenken lassen, weiterlaufen. Rechts der Bundesrat, die Vertretung der Länder. Die Bürotürme am Potsdamer Platz verschwinden im Nebel. Die Leipziger Straße verlassen wir nach links, gleich sind wir am Gendarmenmarkt, einem der schönsten Plätze in Berlin.

1701 wies König Friedrich I. der lutherischen Gemeinde und den französischen Einwanderern, die sich hier ansiedelten, jeweils einen Platz zum Kirchenbau zu. So entstanden in den Jahren 1780 – 1785 der Deutsche und der Französische Dom, beide mit identischen Türmen. Dazwischen wurde 1821 das Konzerthaus errichtet.

Km 41, wir laufen links auf den Prachtboulevard Unter den Linden, eine der besten Berliner Adressen. Geschäfte, Hotels und Restaurants haben Weltstadtniveau. Weltklasse sind auch die Zuschauer, tausende begleiten uns auf dem letzten Kilometer. Das Brandenburger Tor, Symbol des wiedervereinten Deutschland, kommt in Sicht. Ein großer Moment, niemand spürt die Anstrengung des Laufes, jeder ist glücklich und genießt den Moment. Pariser Platz, Applaus und Jubel. Berlin feiert die Marathonis. Hat man das berühmte Tor hinter sich, schaut man auf die Straße des 17. Juni, die einer riesigen Arena gleicht, an deren Seiten und auf den extra errichteten Tribünen sich die Zuschauer drängen. Wer das erlebt, vergisst es nie. Ich sehe, wie sich Läufer bei den Händen fassen, ich sehe Tränen der Freude und Ergriffenheit. Ich laufe mal vorwärts, mal rückwärts, will alles festhalten, nur ins Ziel will ich nicht. 

Der Pumuckl holt mich ab. Der Spassläufer hat heute mal wieder ernst gemacht und eine wahre Glanzleistung abgeliefert. Barfuß ist er auf der nassen Strecke sagenhafte 2:59:02 gelaufen und das gleichmäßig wie ein Uhrwerk. Dabei hätte er leicht noch schneller sein können. Aber seine Baumwoll-Hose war durch den Regen so nass und schwer, dass er sie immer wieder festhalten und richten musste. Nicht dass man ihn als Sittenstrolch von der Strecke holt. 

Hut ab, Dietmar. Dass der Pumuckl anschließend noch stundenlang die Finisher in Empfang nimmt und abklatscht, ist typisch. „Das ist Marathon“, sagt er.

Ich lasse mir die Medaille umhängen und mir gratulieren. An langen Tischen gibt es Getränke und Obst, hunderte Becher Erdinger warten darauf, geleert zu werden. Den Bon dafür will keiner sehen. Für den Heimweg gibt es noch eine Tüte mit Obst, Gebäck und Wasser. Da kann keiner meckern.

Meckern werden auch die Organisatoren nicht. Alles ist gut gelaufen. Das Elitefeld war im Jahr eins nach Haile Gebrselassie gut ausgewählt, Berlin ist 2010 der schnellste Marathon der Welt. Und wer weiß, zu welcher Zeit das Kenia-Duo Makau/Mutai und der Äthiopier Worku bei besseren Bedingungen fähig ist. Vielleicht erfahren wir es im nächsten Jahr. Ich bin dabei. 

 

Sieger

 

Männer

1 Makau, Patrick (KEN)  Kenia  02:05:08 
2 Mutai, Geoffrey (KEN)  Kenia  02:05:10  
3 Worku, Bazu (ETH)  Äthiopien  02:05:25

Frauen

1 Kebede, Aberu (ETH)  Äthiopien  02:23:58 
2 Bekele, Bezunesh (ETH)  Äthiopien  02:24:58  
3 Morimoto, Tomo (JPN)  Tenmaya  02:26:10  
4 Mockenhaupt, Sabrina (GER) Kölner Verein für...  02:26:21 

34.225 Finisher

123
 
 


 
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