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Laufberichte

Im Waadtland zwischen Berner und Walliser Alpen

14.08.15

Zwischen dem Berner Oberland und den Walliser Alpen befindet sich das Waadtland, französisch Pays de Vaud, wo auch überwiegend Französisch gesprochen wird. Die höchste Erhebung ist Les Diablerets mit 3210 m ü.M., an dem ich bei diesem Lauf etwas unterhalb vorbeikommen werde. Startort des Supertrails ist L´Étivaz, ein beschaulich kleines Dorf etwa 7 Kilometer von Château d´Oex entfernt. Bekannt ist dieser Ort durch seinen würzig schmeckenden Alpkäse, eine kleine Kostprobe davon war im Startpaket enthalten.

Der Name „Barlatay“ ist ein umgangssprachlicher Ausdruck und hat eine historische Bedeutung aus der Zeit, bevor sich der Wandertourismus in den Bergen etablierte. Damals nutzten ausschließlich Schäfer und Hirten mit ihren Herden die Bergpfade. Auf den Almhütten wurde der heute berühmte Alpkäse „L´Étivaz“ hergestellt, der in gemeinschaftlichen Kellern zur Reife gelagert wurde. Der Verantwortliche für den Transport und die Überwachung des Käses war der  „Barlatay“. Und schlussendlich wird die Veranstaltung zum Gedenken an die bekannte Schweizer Langstreckenläuferin Franziska Rochat-Moser ins Leben gerufen. Sie war auf vielen Distanzen auch weltweit sehr erfolgreich, ihre persönliche Bestzeit von 2:25:51 Stunden lief sie beim Boston Marathon 1999. Sie gewann unter anderem den New York-, Jungfrau- und Frankfurt Marathon. Kurz vor ihrem Tod gründete sie die Stiftung „Fondation Franziska Moser-Rochat“ zur Förderung junger Talent im Langstreckenlauf. Mit nur 35 Jahren verstarb sie nach einem Lawinenunglück zwischen L´Étivaz und Les Diablerets. Die drei Trails des Supertrails du Barlatay folgen genau den Pfaden, auf denen die junge, erfolgreiche Athletin vor 13 Jahren unterwegs war und tragisch verunglückte.

Bei der diesjährigen, vierten Austragung des Supertrails du Barlaytay verteilten sich die etwa 300 Teilnehmer auf die drei Wettkämpfe: der kürzeste „Le Trail Découverte“ war mit 31 Kilometer und 1850 Höhenmetern ein Schnuppertrail, die Mitteldistanz „Trail du Barlatay“ betrug 46 Kilometer und 2700 Höhenmetern und die Königsdistanz „Ultratrail du Barlatay“ hatte eine Länge von 87 Kilometern und 5400 Höhenmetern. Ich hatte mich für die Ultratraildistanz entschieden, die bereits am Freitagabend um 21 Uhr und für die schnellen Trailläufer um 23 Uhr startete.

Als ich am Freitagnachmittag in L´Étivaz eintraf, war bereits alles für den bevorstehenden Start vorbereitet. Im Startbereich gab es neben Start- und Zielbogen auch ein Festzelt mit der Bewirtung und Startnummernausgabe, alles auf kurzen Wegen erreichbar. Mit der Startnummer, dem Zeitmesschip und dem Startpaket in der Hand ging ich zurück zu meinem Auto, das ich auf der matschigen Wiese parkte, um mich für den Lauf umzuziehen und meinen Rucksack auf seine Vollständigkeit zu überprüfen. Wie die meisten Ultratrailläufer wollte auch ich bereits um 21 Uhr starten. Für die 87 km-Strecke waren dann das Zeitlimit 23 Stunden, für die Schnellen mit der Startzeit um 23 Uhr nur 21 Stunden.

Bei der Kontrolle meines Laufrucksacks wurde peinlich genau die Vollständigkeit der Pflichtausrüstung geprüft. Ganz besonderen Wert legte der Veranstalter auf ein Langarmshirt  und lange Hose, die für die Strecke La Marnèche – Les Mosses obligatorisch waren. Laut Wetterbericht war die Schneefallgrenze auf 2600 m gesunken und auf den Gipfeln sollten die nächtlichen Temperaturen bis auf den Nullpunkt fallen. Erst nachdem ich wieder all meine Habseligkeiten im Rucksack verstaut hatte, konnte ich weitergehen und mit den anderen Trailläufern auf den bevorstehenden Start warten. Der Regen, der den ganzen Tag in dieser Gegend niederging und die Bergwege aufweichte, hatte zum Glück nachgelassen und die meisten dunklen Wolken hatten sich verzogen. Laut Veranstalter sollte es auch die Nacht weitgehend trocken bleiben, was schon einmal eine gute Nachricht war. Erst am frühen Morgen sollte es immer mal wieder regnen, leider dann doch fast den ganzen Tag ohne große Unterbrechung.

 
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Kurz vor dem Start informierte uns der Veranstalter noch über die Bedingungen, die Streckenführung, das Wetters, sowie über schwierige Passagen und eine kleine Streckenänderung am La Pare-Gipfel. Pünktlich um 21 Uhr schickte uns der Veranstalter dann auf die Strecke.

Etwa einen Kilometer ging es auf Asphalt durch das Dorf, bis wir auf schottrigen Wegen und Trails und in die dunkle Nacht wechselten. Die gesamten 87 Kilometer teilten sich in vier Streckenabschnitte ein, die alle an einem Verpflegungspunkt endeten. Innerhalb eines Streckenteils gab es keine weiteren VPs, nur Kontrollposten zur Registrierung der Startnummern. Der erste Streckenabschnitt bis Les Diablerets war 27 Kilometer lang und führte über den Fenêtre d´Arnon (km 10,7/1885 m) hinunter zum Lac d´Arnon (1540 m). In der stockdunklen Nacht konnte ich nur die wurzeligen oder steinigen Trails wahrnehmen, die uns steil sowohl hinauf, als auch hinunter brachten. Es erforderte volle Konzentration vor allem auf den rutschigen Bergabpassagen, um nicht unkontrolliert auszurutschen.

Über den Col du Voré (km 16,8/1912 m) ging es dann hinunter zum Col du Pillon (km 19,0/1550 m), wo die Feuerwehr die Kantonsstraße von Gstaad nach Les Diablerets sicherte. Als ich kurz nach Mitternacht dort ankam, war ich froh, die rutschigen Passagen auf dem ersten Teilstück unbeschadet überstanden zu haben. Da meinten die Kontrollposten zum Abschied: „Fais attention, ca glisse beaucoup!“ Das habe ich heute schon oft gehört und  ich war doch erst knappe 20 Kilometer unterwegs. Es war wirklich manchmal so rutschig, dass ich an den engen Steilkurven kaum einen Tritt fand, weder hinauf noch hinunter. So beschränkte sich das Laufen auch auf wenige flache Passagen, auf die kurzen Forstwege oder auf die wenigen Meter auf Asphalt in den Ortschaften.

Das Laufen auf den Trails war ab dem ersten Kilometer reine Konzentrationssache, so auch auf dem Weg nach Près Jordan (km 21,4/1730 m). Kurz danach folgte eine steile Kletterpassage, die zusätzlich von Kontrollposten gesichert war. Die Felsen waren hier besonders glitschig und ich konnte diese Passage nur meistern, indem ich mich an der Kette hinunter hangelte. Schon bald konnte ich von weitem die ersten Lichter von Les Diablerets sehen. Doch der Weg ins Tal war noch weit und es lagen noch einige Höhenmeter vor mir. Die VP1 Les Diablerets (km 27,0/1150 m) war im Feuerwehrhaus untergebracht, dort lagen auch die Gepäcktasche mit Wechselklamotten bereit. Neben reichlichen Getränken wie Iso, Cola, Rivella wurden eine warme Bouillon und viele Leckereien wie Brot, Wurst und Käse angeboten. Immer war eine helfende Hand da, um beim Befüllen des Trinkbeutels oder der Trinkflasche zu unterstützen.

 
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Nach kurzer Rast machte ich mich erneut auf den Weg.  Es folgte der zweite Streckenabschnitt von Les Diablerets nach La Marnèche über 19,5 km und 1770 hm mit einigen Überraschungen, von denen ich noch nichts ahnte. Auf dem Plan stand ein langer Aufstieg über La Palette (km 33,6/2140 m), den Col d´Andérets (km 35,0/2030 m) und den Col de Seron (km 38,8/2153 m) auf den Gipfel des La Pare (km 40,5/2540 m). Der Übergang La Pare wäre auch die höchste Erhebung auf der gesamten Ultratrailstrecke gewesen. Allerdings hatte die Rennleitung schon vor dem Wettkampf beschlossen, den als technisch sehr schwierigen Übergang auf einen Weg etwas unterhalb des Gipfels zu verlegen, da dieser Abschnitt durch die starken Regenfälle vom Freitag selbst für erfahrene Läufer zu gefährlich wäre.

Kurz nach den letzten Häusern von Les Diablerets begann der steile Aufstieg auf La Palette. Je weiter ich an Höhe gewann, je dichter wurde der Nebel und ich konnte kaum die nächste Markierung sehen. Verschlimmert hat sich das Suchen der Wegmarkierung dann noch beim Abstieg, weil ich da doch etwas schneller unterwegs war. Manchmal konnte ich im Stirnlampenlicht kaum den weiteren Verlauf des Trails erkennen. Das war nicht gerade spaßig! Als ich dann zum nächsten Kontrollposten kam, wurde ich darüber informiert, dass der Aufstieg zum La Pare wegen zu dichtem Nebel gesperrt wurde und ich nun direkt wie viele andere auch nach La Marnèche laufen müsste. Ich schätze mal, dass durch diese Streckenänderung die Gesamtstrecke um etwa 3 Kilometer und 500 bis 600 Höhenmeter verkürzt wurde.

Auf einem teils asphaltierten Fahrweg ging es in engen steilen Kurven nach La Marnèche hinunter, wo sich die VP2 (km 46,5/1800 m) direkt neben dem gleichnamigen Restaurant befand. Der nächste Streckenabschnitt von La Marnèche nach Les Mosses war 14,5 km lang, 828 m im Aufstieg und 1191 m im Abstieg, dazwischen lag der Pic Chaussey mit 2330 m ü.M.. Als ich nach einer längeren Pause wieder hinaus ging, hatte es angefangen zu regnen. Es war gerade 5 Uhr und ich hatte noch etwa eine Stunde mit meinem Stirnlampenlicht im Dunkeln zu laufen.

Über nasse matschige Wiesen und rutschige Trails ging es nun etwa 5 Kilometer fast flach bis zum nächsten großen Aufstieg auf den Le Pic Chaussey. Dieser Aufstieg war nur 2,5 Kilometer lang, aber ging 500 Höhenmeter in extrem engen Serpentinen nach oben. Entweder musst ich die Steilstellen über Felsen klettern oder den rutschigen Untergrund überwinden.  Selbst mit meinen Stöcken fand ich kaum eine Stelle, um mich abzustützen.  Ich kam nur langsam voran, dazu kam noch die Müdigkeit. Ganz allmählich wurde es hell und ich konnte nun endlich mehr sehen. Die Nebelschwaden öffneten auch immer mal wieder kurz den Blick auf den weiteren Weg. Leider blieben die Täler und die Bergwelt um mich herum weiterhin in Wolken. Auch beim Übergang auf dem Grat zum Le Pic Chaussey (km 54,5/2330 m) blieben die Berge im Grau des Nebels und der Wolken verborgen. Was ich allerdings sah, war beidseits stark abfallendes Gelände, also auch nicht ungefährlich. Der Veranstalter hatte auch hier daran gedacht, den knappen Kilometer auf dem Gratweg durch die Bergwacht  zu sichern.

Kaum hatte ich den höchsten Punkt erreicht, lag auch schon der nächste Abstieg vor mir, wie immer „très glissant“/sehr rutschig. Zwei Kilometer und 400 Höhenmeter sollten es sein bis hinunter zum Lac Lioson (km 56,5/1920 m), den ich im Nebel erst gar nicht als Bergsee wahrnahm. Bis nach Les Mosses folgte ich über knappe 5 Kilometer einem nicht endenden Hangweg, manchmal gut zu laufen und dann wieder eine Folge von engen steilen Kurven mit vielen Wurzeln, bis ich endlich Les Mosses (km 61,0/1450 m) erreichte, wo sich die VP3 in der Sporthalle auf der Passhöhe mit der üblichen Verpflegung und den Gepäcktaschen mit Wechselkleidung befand.

 
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Es regnete leider ununterbrochen weiter, der Himmel war einheitlich grau und eine Wetterbesserung nicht in Sicht. Zum Glück blieben die Temperaturen noch recht angenehm, so dass ich nicht frieren musste. So ging ich erneut hinaus, um die letzten 25 Kilometer bis nach L´Étivaz in Angriff zu nehmen. Leider hatte ich auf der ganzen Strecke wenig von den Tälern und den Bergen gesehen, die ich hinauflief und hinunterrutschte. Eigentlich laufe ich ja solche Ultratrails, um mich an der Bergwelt zu erfreuen.  Dieses Mal erfreute ich mich ausschließlich an den endlosen Matschtrails. Manchmal verwandelten sich die Trails in kleine Bäche und auf den Wiesen stand durch den ausgiebigen Regen das Wasser oft knöcheltief. Sollte das so weitergehen? Kurz und gut, ja!

Der vierte und letzte Streckenabschnitt führte größtenteils über nasse Wiesen und über Wurzelpfade. Da war viel mentale Stärke und extremes Durchhaltevermögen gefordert. Vor allem musste ich konzentriert bleiben, um nicht auszurutschen und mich zu verletzen. So vergingen die Stunden, bis ich dann auf den letzten 3 Kilometern im Tal flussaufwärts nach L´Étivaz unterwegs war. Noch ein kurzer steiler Hang hinauf,  dann befand ich mich nur wenige Meter vor dem Zielbogen. Ich hatte es geschafft, im Zelt wurde ich klatschend als vierte Frau im Ziel begrüßt. Nach der Abgabe des Zeitmesschips erhielt ich das Finishershirt.  

 
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Auch wenn alle um mich herum Französisch sprachen, war es nicht schwierig, sich hier wohl zu fühlen. Der Veranstalter hatte für alles gesorgt, so dass dieser Event trotz ungünstigen Wetters ein voller Erfolg war. Im Zelt war die Pastaparty vorbereitet, aber auch andere Speisen wie Pommes und Grillwurst waren im Angebot.

An den Verpflegungsposten, nur 4 über die 87 Kilometer, war die übliche Trailverpflegung zubereitet. Auch hier waren die Helfer immer freundlich und hilfsbereit.  Die Distanz zwischen den VPs war recht lang, so dass ich für die Zwischenzeit an meine Eigenverpflegung zurückgreifen  denken musste.

Besonderen Dank möchte ich den vielen Kontrollposten, genau gesagt den 25 Kontrollstellen auf der Strecke aussprechen, die trotz der widrigen Wetterbedingungen auf der Strecke ausharrten, bis der letzte Läufer vorbeikam, und fleißig die Startnummern notierten. Die Umleitung der Strecke nach dem Abstieg von la Palette verlief reibungslos mit einer kurzen Info vom Streckenposten. Auch wenn wir den Gipfelmarsch auf den La Pare ausließen, würden die drei Qualifikationspunkte für den UTMB laut Veranstalter erhalten bleiben. Wichtig für all diejenigen, die diese drei Punkte für das kommende Jahr zur Anmeldung beim UTMB benötigen.

Für mich war dieser Lauf trotz viel Regen ein tolles Abenteuer und ich werde bestimmt im nächsten Jahr wiederkommen.  Dann hoffe ich auf besseres Wetter, um die Berge zwischen L´Étivaz und Les Diablerets wirklich zu erleben.

 

Informationen: Barlatay Supertrail
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