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Laufberichte

Angesagte Stadt, angesagter Marathon

 

Seit einem Stadturlaub 2004 in Barcelona stand der dortige Marathon auf unserer Wunschliste. Leider war ich jedes Jahr mit der Planung zu spät dran und fand nie einen günstigen Flug. Vor vier Monaten dann die Möglichkeit, bei Lufthansa einen Billigflug zu buchen. Wenn man rechtzeitig bucht, kann man dort immer ein Schnäppchen ergattern.

Barcelona ist die Hauptstadt der autonomen Region Katalonien in Spanien. Sie ist wunderbar am Meer gelegen, mit schönen Sandstränden, umrahmt vom Gebirge, welches an der Grenze zu Frankreich auch das Skifahren ermöglicht. Die Stadt ist mit 1,6 Millionen Einwohnern nach Hamburg die zweitgrößte europäische Stadt, die nicht Hauptstadt eines Staates ist. Sie hat architektonisch interessante Viertel und scheint touristisch recht angesagt zu sein.

Vor vier Monaten war ich auch sicher, dass sich mein Ödem am Kreuzbein noch rechtzeitig auflösen würde. Leider kam das OK vom Orthopäden erst zwei Wochen vor dem Marathon. Daher ist Judith alleine auf der Strecke und stehe ich mit dem Fahrrad am Start bereit. Ich darf dem Lauf mit dem ausgewiesenen „Vehicle Autoritzat“ auf den Gehwegen folgen.

Am Tag zuvor waren wir in Barcelona angekommen. Zur Startnummernausgabe begibt man sich in die Halle 8 des Messegeländes. Wichtig ist, einen Ausweis dabei zu haben. Mit den Unterlagen erhält man einen kleinen Stoffsack, ein Laufhemd, viel Reklame und einige Rabatt-Gutscheine für Einrichtungen in der Umgebung. Damit erreicht Barcelona nicht ganz den Standard anderer südländischer Marathons, die mit mehr Naturalien punkten.

Die Marathonmesse ist recht groß und muss auf einer gewundenen Route abgeschritten werden, worüber Ordner genau wachen. Es gibt viele Stände mit Laufausrüstung, Angeboten rund um die Gesundheit sowie Informationen zu anderen spanischen und europäischen Marathons. Interessant ist eine Trailrunning-Serie in Andorra.

Am Samstagmorgen findet der Breakfast-Run statt. Er führt über die letzten 4.192 Meter auf der olympischen Marathonstrecke von 1992, mit dem Anstieg auf den Haushügel Montjuic (173 Meter) und Ziel im Olympiastadion. Wer einen der 2000 Startplätze ergattern konnte, bekommt dort ein Frühstück. Wir sind leider nicht dabei.

 
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Den Marathon in Barcelona gibt es schon seit 1980. Immer wieder erwähnt wird sein Initiator Ramon Oliu. Einige Jahre befand sich das Ziel im Olympiastadion, wurde aber aufgrund des letzten steilen Anstiegs dann verlegt. Wissenswertes zur Historie der Veranstaltung lässt sich von der Webseite herunterladen.

Die Bilder des Messegeländes sagen sicher mehr als viele Worte: Angelegt für die Weltausstellung 1929, liefert es den repräsentativen Rahmen für einen großen Stadtmarathon. Die Springbrunnen auf der Prachtstraße Reina Maria Cristina laufen übrigens freitags und samstags von 19:00 bis 21:00 Uhr und während des Marathons (dann allerdings ohne farbige Beleuchtung).

Am Marathontag sind wir um 7:30 Uhr am Messegelände – eine Stunde vor dem Start. Es ist noch sehr wenig los. Die Kleider sollen spätestens 15 Minuten vor dem Start in Halle 8 abgegeben werden. Damit bestätigt sich unsere Erfahrung aus Málaga, dass viele spanische Läufer mit eher knappem „Zeitpolster“ eintreffen. Entsprechend streng ist das Reglement bei der Abgabe: Wärmende Jacken und lange Trainingshosen müssen bereits vor dem Eingang ausgezogen und im abgenommenen Rucksack, der in der Hand getragen werden muss, verstaut sein.

Der Start ist in Blöcke aufgeteilt. Judith steht im vorletzten Block für die 3:45-4:00-Stunden-Läufer, vor dem großen Brunnen Font Màgica. Fünf (!) Toilettenhäuschen mit unendlich langen Schlangen gibt es dort. Von einem Läufer bekommen wir den Tipp, in die linke Straße zu gehen. Dort stehen Hunderte von Häuschen. Ganz hinten muss man überhaupt nicht warten. Da hätte man sich vorab eine bessere Information gewünscht. In der Starttüte befinden sich keine Hinweise zum Lauf. Diese hätte man sich am Infodesk besorgen können. Ein Infoheft gab es im Internet zum Download und selbst ausdrucken - ungewöhnlich für einen so großen Lauf.

Den Start kann ich in Ruhe ganz vorne mit verfolgen. Die Blöcke werden mit kurzem Zeitabstand auf den Weg geschickt. Wenn man Glück hat, startet man zu den Klängen von „Barcelona“ von Freddie Mercury und Montserrat Caballé. Sehr erhebend. Ich kämpfe mit den Tränen. Ich will auch mitmachen.

Hinter dem Besenwagen ordne ich mich mit meinem Vehikel ein. Es gibt -zig Radverleiher in der Stadt, da sich Barcelona als besonders fahrradfreundlich rühmt. Auf die Einwohner warten an jeder Ecke automatische Radverleih-Stationen. Karte an eine Säule halten und fertig. Trotzdem herrscht ein beträchtlicher Autoverkehr.

Die ersten Kilometer führen durch Wohnstraßen jeglichen Baustils, leicht bergauf, so wie der ganze Lauf recht wellig daherkommt. Auffallend viele Anwohner sind schon an der Strecke und beklatschen die Läuferschar. Das wird fast über die gesamte Strecke so bleiben.

 
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Bei km 5 dann das erste Highlight: Wir umrunden das Stadio Camp Nou, Heimat des FC Barcelona. Pep Guardiola trainiert ja jetzt „unseren“ FCB. Davor einige Fans mit einer großen Trommel. Ein Läufer kickt einen Fußball vor sich her. Erstmalig kommen wir auf die Avinguda Diagonal, eine schnurgerade Allee (mit Straßenbahn,  also schön für mich als Trambahnfan), die in vielen Kilometern Entfernung am Meer endet. Wir cruisen hier im Nordwesten der Stadt noch ein bisschen hin und her - eine Straße heißt Paris, eine Berlin - und erreichen bei km 13 wieder die Umgebung des Messegeländes. Da sind natürlich besonders viele Zuschauer.

Überhaupt macht es die Stadt mit ihren unzähligen U-Bahnlinien den Begleitern leicht, oft an die Strecke zu kommen. So scheinen mir etliche  Zuschauer mit der Zeit schon ganz vertraut. Hinter der zur Event-Location umgebauten Stierkampfarena geht es auf die Gran Via. Wie der Name verheißt, gibt es hier viele große Gebäude, z.B. die Universität. Da die vielen Alleebäume noch keine Blätter tragen, hat man einen ungehinderten Blick auf die Häuser. Die rechten Spuren sind für den Autoverkehr freigegeben.

Wir erreichen die Placa Catalunya, quasi den Hauptplatz der Stadt. Katalonien hat ja eine eigene Sprache, die immer mehr gepflegt wird. Viele Menschen fühlen sich ihrer „Nation“ sehr verbunden. Man sieht viele gelb-rot gestreifte Fahnen aus den Fenstern hängen. Politisch möchten sich die Katalanen wohl von Spanien trennen.

Für die Läufer geht es nach links auf den Passeig de Gràcia, eine breite Einkaufsstraße mit teuren Geschäften und vielen berühmten Gebäuden. Eine Mords-Gaudi kann man hier haben: viele Zuschauer und eben einige Bauwerke von Antoni Gaudí und anderen dem Modernisme um 1900 verpflichteten Architekten. Die Gaudí-Schöpfung Casa Milà (auch Pedrera, also „Steinbruch“ genannt) mit den bizarren „Wächterfiguren“ auf dem Dach wird leider zurzeit renoviert und ist eingerüstet.

Wir sind jetzt im Eixample, dem größten im Jugendstil gestalteten Stadtviertel Europas. In Barcelona gibt es sehr viele Straßenzüge mit quadratischem Muster, wobei die Ecken der Häuserblocks abgeschnitten sind. Das ist auf dem Satellitenbild schön zu sehen. Für Fußgänger (und radelnde Reporter) ist das etwas blöd, weil man sich zum Queren immer einige Meter in die Seitenstraße begeben muss. Marathonläufer/innen haben das Problem nicht, eher müssen sie mit den etwas schmaleren Straßen zurechtkommen. Judith fällt es schwer, an den Gefällstrecken etwas mehr Gas zu geben. Zu viele Läufer vor ihr halten an einem gewählten Tempo fest.

 
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Nach dem nächsten Knick (km 16) geht es direkt an der Sagrada Familia vorbei. Die Kathedrale gilt als das Wahrzeichen Barcelonas, wurde im Jahr 1882 von Gaudí begonnen und befindet sich immer noch im Bau. Als Ergänzung zu den markanten Türmen ist noch ein Hauptturm geplant, der höher als der Turm des Ulmer Münsters werden soll.

Die erste Begegnungsstelle kommt ab Kilometer 18, die Meridiana ist über vier Kilometer zu laufen. Ich sehe die Fahnen der Vier-Stunden-Pacemaker, aber Judith finde ich nicht. Kein Wunder bei insgesamt rund 15.000 Läuferinnen und Läufern. Mit dieser Anzahl rangiert Barcelona unter den teilnehmerstärksten Marathons, worauf man sehr stolz ist.

Auch hier sehr viele Zuschauer, nicht zuletzt auf dem schmalen Mittelstreifen. Ich fahre links vorbei und muss sehr auf den wilden Auto-Gegenverkehr achten. An der Wendestelle um einen kleinen Häuserblock noch mehr Halli Galli mit Band oder Discomusik. Weit über 20 Animationspunkte sind an der Strecke postiert. Auch für die Anwohner ist viel Kurzweil geboten: ein Bollywood-Tanzkurs, Fitnesstraining an der Marathonstrecke und mehr.

Auf dem Weg zurück fallen mir die vielen Anwohner auf, die anscheinend an diesem wunderschönen Vormittag hier ihren Sonntagsspaziergang absolvieren. Auf einmal ein lauter Knall. Den Hinterreifen meines Rads hat es zerrissen. Was tun? Rad absperren und mitgehen. Gut, dass ich Laufschuhe trage.

Wir sind wieder in der Gran Via, deren Charakter sich gewandelt hat: Hier gibt es zwischen Plattenbauten eine Stadtautobahn mit Einhausung, an der wir einen Kilometer entlanglaufen. Und jetzt geht’s Richtung Meer, auf der Rambla Prim. Es ist nun wirklich heiß, so um die 25 Grad im Schatten. Am Forum del Mar die zweite Begegnungsstelle. Ich sehe wieder die Vierstundenläufer. Wäre super gewesen, wenn ich Judith sagen könnte, dass ich erst in drei Stunden im Ziel sein werde.

Wir sind jetzt am östlichen Ende der Av. Diagonal. Hier sind viele neue Gebäude zu begutachten. Es geht Richtung Torre Agbar, einem 142 Meter hohen Gebäude im Gurkenstil, das nachts farbig beleuchtet wird. Positiv fällt am Barcelona-Marathon auf, dass dank der hohen Teilnehmerzahl auch im hinteren Feld noch einiges los ist. Bald merke ich, dass an den vielen Verpflegungsstellen die vorderen Tische zwar leer sind, aber einige Meter weiter noch das volle Programm geboten wird: kleine Wasserflaschen, Iso-Getränke, Nüsse, Orangen und Bananen. Auch viele Toilettenhäuschen stehen an der Strecke. Was dringend notwendig ist, da man praktisch immer durch dichte Bebauung läuft. Judith berichtet später von Läufern, die in eine Bar oder ein Restaurant abgebogen sind. In diesem Zusammenhang gilt es auch zu erwähnen, dass Barcelona über unzählige Cafés oder kleine Imbissbuden in den Häuserfronten verfügt. Sogar hier in den Plattenbauten. Ganz anders als bei uns zu Hause.

Bei km 33 sind wir auf der Av. Litoral direkt am Meer. Viele Leute liegen am Strand in der Sonne. Eine leichte kühle Brise ist zu spüren. Die Topläufer klagten hier über zeitweiligen Gegenwind. Wir laufen auf das Olympische Dorf zu, vor 1992  wohl Industriegebiet und jetzt eine schöne Wohngegend am Meer. Ich treffe eine Läuferin aus Deutschland, die ich schon früher angefeuert habe. Sie fragt, wo mein Rad geblieben ist. Nach einem kurzen Plausch zieht sie davon. Auffallend sind die vielen Trommelgruppen hier am Meer.

Jetzt geht es wieder in die Stadt. Nochmals ein schöner Blick auf die Sagrada Familia. Dann auf den Arc de Triomf zu, erbaut als Eingangstor zur Weltausstellung des Jahres 1888. Judith berichtet später von einer heimtückischen Stufe im Laufweg, die sie gerade noch rechtzeitig bemerkte. Ich bin von der Schönheit des maurisch inspirierten Triumphbogens begeistert. Auch mit dem Laufen geht es immer besser.

Nochmals an der Placa Catalunya vorbei, dann Richtung Kathedrale mit Stadttor aus römischer Zeit. Beeindruckend, wie viel von der alten, römischen Stadtmauer noch erhalten ist. Das Barri Gòtic eignet sich mit seinen Gassen sehr schön zum Flanieren, wobei für meinen Geschmack in diesem Viertel zu viele Touristen unterwegs sind. Andererseits prägt hier im Zentrum der Marathon das Stadtbild: Samstags begegneten uns auf Schritt und Tritt Läufer, gekleidet in allerlei Hemden, die von ihren Heldentaten künden. So etwas erlebt man nur bei den ganz großen Veranstaltungen. Auch im Flugzeug geht es in vielen Gesprächen um den Marathon. Noch ein Tipp: Im nahen Picasso-Museum ist sonntags ab 15:00 Uhr der Eintritt frei, am ersten Sonntag des Monats sogar ganztägig.

Wir kommen jetzt zum alten Hafen und laufen auf die Kolumbussäule zu. Rechts, in den mittelalterlichen Werften Drassanes Reials, sieht man Schiffe des Maritimen Museums.

 
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Von der Straße Paral.lel (kein Schreibfehler) ist das Ziel schon fast zu erkennen. Hier befindet sich ein Ausgehviertel mit Bars, Restaurants, Musikclubs und Theatern. In unserem Hotel konnte man sonntags bis um 7:00 Uhr früh den Lärm der Nachtschwärmer hören.

Wir machen noch einen kleinen Rechtsknick, vermutlich wegen einer Baustelle. Das Viertel hinter der schönen Kirche Sant Pau de Camp ist auch sehenswert: sehr enge Sträßchen, viele pakistanisch oder indisch aussehende Bewohner in traditioneller Kleidung, die dort auch kleine Läden betreiben. Dann die letzten Meter wieder einmal leicht bergauf. Links zwischen den beiden Türmen hindurch und schon ist das Ziel erreicht.

Alles ist hier bestens organisiert: Die breite Allee bietet viel Platz für die Getränkeverteilung und Chiprückgabe sowie die Ausgabe von Wärmefolien. Am Ausgang des umzäunten Bereichs gibt es noch mal Nüsse, Orangen, Bananen und die Medaille - für Judith mit Küsschen von einem freundlichen Herrn. In der Halle 8 funktioniert die Beutelrückgabe ohne Wartezeit. Außerdem bietet ein riesiges Heer von Physiotherapeuten Massagedienste an, die rege genutzt werden.

Ich entscheide mich, mit der U-Bahn ins Hotel zurückzufahren und finde mich in langen, schmalen  Gängen mit vielen Treppenstufen und schwüler Luft wieder. Teilweise muss man warten bis es im Tross der Läufer weitergeht. Wer so etwas nicht mag, sollte lieber an der Oberfläche bleiben. Zurück im Hotel sehe ich vom Balkon bei km 40 Gary Moore wieder, der seinen Fußball immer noch vor sich her kickt und in 5:45 h ins Ziel kommen wird.


Zusammenfassend:

 Ein Top-Stadtmarathon, der fast ausschließlich durch Wohngebiete führt

 Sehr gut organisiert (nur die Info muss selbst ausgedruckt werden)

 Viele Musikgruppen

 Gute Streckenverpflegung (und viele Toiletten)

 Großes Teilnehmerfeld, auch hinten raus ist noch viel los (Zeitlimit etwas über 6 Stunden)

 Kaum Goodies im Teilnehmerbeutel, lediglich einige Vergünstigungscoupon

     Für Spanien eher schlechtes Preis-/Leistungsverhältnis. Teilnahmegebühr von 60 € aufwärts.

 Veranstalter-Funktions-T-Shirt (dieses Jahr nur noch einfarbiger Aufdruck)

 Zeitnahme alle 5 km mit direkter Meldung ins Internet

 Kostenloser Frühstückslauf für 2000 Personen am Samstag auf der Olympiastrecke

 Im Februar gibt es einen Halbmarathon auf ähnlicher Strecke

 Für eine Städtereise mit Marathon ist Barcelona absolut zu empfehlen.

Ergebnisse:
Männer

1 Abayu Getachew Girma ETI 02:10:45
2 Thomas Kiplagat Rono KEN 02:12:12
3  Boaz Kiprono KEN 02:12:44

Frauen

1 Frashiah Nyambura Waithaka KEN 02:32:26
2 Naomí Jepkosgei Maiyo KEN 02:40:12
3 Hasna Bahom MAR 02:45:26

 

 

 

 

 

 

 
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