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Laufberichte

Born to be wild

25.05.14

„Freitag schön, Samstag schön, Sonntag noch schöner. Verantwortlich dafür ist Hoch "Guido", das sich von den Azoren ausbreitet und am Wochenende Deutschland erreicht“, sagt der Diplom-Meteorologe am Ende der Nachrichten. Die Entscheidung fällt sofort. Da will ich hin, zum meteorologischen Laboratorium. Dort, wo das schöne Wetter für uns gemacht wird und wo es gleichzeitig weit im Norden, Schiffen auf hoher See das Leben zur Hölle machen kann. Dort, wo die Naturgewalten toben, der Atlantik seine Stürme ausbrütet und Vulkane kochen.

„Beam me up, Scotty!“ Mithilfe von Google Earth zoome ich mich in rasender Geschwindigkeit vom Weltall hinab auf den Globus. Je näher ich komme, desto deutlicher werden die Konturen. Am Ende des Bremsweges finde ich mich gut versteckt, wenn auch mit einer neonfarbenen Rettungsweste, in den Weiten des schwarzblauen Nordatlantik zwischen Europa und Amerika wieder. Das Meer ist sehr tief. Ich bin umgeben von spiellustigen Delphinen, Walen die auf der Durchreise sind und fünfzehn weiteren Rettungswesten. Weit unter unserem knallroten Gummiboot tummeln sich weit mehr als fünfhundert Fischarten.

Der Vulkanismus formte diese besondere Unterwasser-Topografie. Für die Meerestiere bedeutet das Nahrung im Überfluss. Noch bis 1982 wurde hier der Pottwal gejagt von Azorischen „Whalers“, wie sie Herman Melville in „Moby Dick“ beschreibt. Es fällt mir nicht schwer, mir diese Zeiten vorzustellen. Den Walfängern von Faial und Pico sagte man Ehrlichkeit, Bescheidenheit und besonders Tapferkeit nach. Die Enkel dieser Männer, die den blutigen Kampf gegen die Macht einer entfesselten Natur, gegen Kälte und Sturm auf sich nahmen, nennen sich heute  „Whale watcher“ und sind gemeinsam mit mir auf einer unblutigen Fotojagd. Die Möglichkeit, die Vielzahl der mächtigen Meeressäuger aus nächster Nähe zu sehen, sucht weltweit ihresgleichen.

 
© marathon4you.de 14 Bilder

 

Insel der Weltumsegler


Was das mit Trail-Laufen zu tun hat? Ich verrate euch die neuste Entdeckung. Denn „…das Schönste, das wir entdecken können, ist das Geheimnisvolle“, wusste schon Albert Einstein. Einen Klecks auf dem Globus zu finden, zu dem nicht sofort ein Bild im Kopf aufsteigt, ist kaum mehr möglich. Auf der Suche nach den letzten echten Paradiesen der Erde und nicht nach Inselzielen aus dem Hochglanzkatalog, ehrte das amerikanische Magazin "National Geographic Traveller" das Archipel vor kurzem zur zweitschönsten Inselgruppe der Welt (!).  Die Insel Faial gehört zu Portugal und wurde bislang vom Massentourismus verschont. Ein Paradies für Naturliebhaber und Individualisten. Das „Whale watching“ ist im Grunde das meditative Eintauchen in eine andere Welt.  Weit draußen auf dem Meer beginne ich zu erahnen, was mich erwartet:

 

Der westlichste Trail Run Europas


Trotz des leichten kühlen Windes am frühen Morgen stehen Mário Leal die Schweißperlen auf der gebräunten Stirn. Mit so vielen Laufverrückten hat der auf der Insel lebende Veranstalter, der selbst Trail-Läufer ist, für seine erste Austragung des Laufes nicht gerechnet. Erst im Februar hatte Mário die Ausschreibung auf Facebook gepostet und innerhalb von drei Monaten drückten zehntausend User den „Like“-Button.

Die Vision von einem Ultra-Trail Run hatte der 39jährige sympathische Azorer bereits 2011. Die abgelegenen Ebenen, die freundlichen Bewohner und die Typographie Faials bieten einfach die ideale Umgebung für einen Trail-Lauf der Extraklasse. Ob Streckenlänge (48 oder 21 Kilometer) oder Schwierigkeitsgrad, ob Genussläufer oder Extremtrailer. Dieses neue Ereignis und die anwesenden Stars der Ultra Trail Szene ziehen die Medien an und jeder möchte und bekommt sein Interview.

Carlos Sá (Sieger Badwater und UTMB), Telmo Veloso, Armando Teixeira (Portugal), Mirko Righele (Italien), Sebastien Nain (der sympathischste Franzose, den ich je getroffen habe) und Daniel Calleja (Spanien) werden starten. Auch Anna Frost ist dabei. Die Weltenbummlerin und Lebenskünstlerin ist bekannt als Spezialistin im Berglauf und bei Salomon unter Vertrag. Ich kenne die unkomplizierte (1981 geborene) Neuseeländerin von den 4Trails. Sie hat die Brücken hinter sich abgebrochen, lebt heute in einem kleinen Van, um unabhängig zu sein. Sie lebt ihre Leidenschaft - das Laufen und das Reisen. Wer träumt nicht davon? Auf den Azoren ist sie, wie auch ich, zum ersten Mal.

Gewaltige Urkräfte formten einst den Archipel. Diagonal führt der Streckenverlauf von Küste zu Küste durch 450 Millionen Jahre altes Gebiet, über teils uralten Transportwegen, rauf zum  Cabeço Gordo, dem mit 1.043 Metern über N.N. höchsten Gipfel der Insel und um den wildromantischen Kraterkessel herum bis hin zum erst vor 57 Jahre entstandenen jüngsten Fleckchen Portugals, dem erloschenen Vulkan von Capelinhos. Faial ist die fünftgrößte der neun Azoreninseln und liegt im Zentrum des Archipels. Ihr nächster Nachbar ist die gerade einmal neun Kilometer entfernte Insel Pico, deren gleichnamiger Berg heute zum Greifen nah scheint. Jedes Jahr gehen tausende von Atlantiküberquerer wie einst Kolumbus im Hafen von Horta zu einem Zwischenstopp vor Anker. Dort malen sie farbig den Beton der Mole an.

 
© marathon4you.de 13 Bilder

 

Die Ruhe vor dem Sturm


Noch müde krame ich in meinem Rucksack und schaue aus dem Fenster des voll besetzten Reisebusses, der uns vom Race-Hotel an den Start in dem kleinen Ort Ribeirinha bringt. Draußen Sonnenschein und blauer Himmel. Vereinzelt sind Auswanderer(wohn)träume zu verkaufen; „a venda“ darunter eine Telefonnummer – ich notiere sie nicht.

Ruhig ist die Stimmung in der Gruppe von Outdoor-Enthusiasten. Mein Rucksack ist schwer. Trotz des angekündigten schönen Wetters und den Verpflegungsmöglichkeiten habe ich ihn gefüllt mit Regenjacke, Wasser, Riegeln, Gels und meinem Handy für den Notfall. Ist das die berühmte Ruhe vor dem Sturm? Abenteuerliche Visionen für einen Lauf der ungewöhnlichen Art bestärken meine Vorfreude. Nur Mário weiß, was uns erwartet.

 
 

Informationen: Azores Trail Run
Veranstalter-WebsiteE-MailHotelangeboteOnlinewetterGoogle/Routenplaner
 

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