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Laufberichte

Lauf mit Aussicht

24.08.08

Wer mich kennt, der weiß, dass meine große Frage vor jedem Marathon die ist, was ich wohl am besten anziehen sollte.

Doppellagig kurz oder einlagig halblang oder eine sonst mögliche Kombination? Solche gibt es für mich mittlerweile unzählige und mit jedem Lauf erhöht sich die Möglichkeit mit dem zusätzlichen neuen Finisher-Shirt. Mit den Damen, deren Garderoben für den Ausgang dem Umfang meiner Laufkollektionen entsprechen, kann ich also mitfühlen. Aber ich will mich jetzt nicht als Frauenversteher darstellen, sondern über die Frage schreiben, die sogar die Kleiderfrage in den Hintergrund schob.

Olympia Marathon Peking oder Allgäu Panorama Marathon, so lautete sie. Nein, es ist kein Wunder geschehen und auch kein Doping im Spiel. Und es ging nicht ums Starten oder Nicht-Starten. Vielmehr tat sich ein Problem mit dem Schlafmanagment auf. In der Regel habe ich damit kein Problem, denn ich gehöre nicht zu denen, die vor einem Marathon nicht oder nur schlecht schlafen. Vor einem Marathon - nicht aber vor zwei Marathons.

Der eine startete frühmorgens in Peking, was dummerweise bei uns um 01.30 Uhr war, der andere um 09.00 Uhr in Sonthofen. Den ersten wollte ich am Fernsehen verfolgen und dabei unserem Schweizer Hoffnungsträger Viktor Röthlin alle verfügbaren Daumen und großen Zehen drücken, den zweiten nicht nur „live“, sondern am eigenen Körper erleben.

Als Liebhaber von Landschaftsläufen, insbesondere solchen mit einer stattlichen Anzahl Höhenmeter, ist für mich das optische Erlebnis eines Marathons ein wichtiges Kriterium dafür, ob ich die Anreise überhaupt in Kauf nehmen soll. Wenn das einzige Panorama, das sich mir während des Laufens erschließt, die wohlgeformte Rückansicht einer Läuferin vor mir ist, dann kann ich auch zuhause bleiben. In der Hoffnung, dass der Name Programm sei, entschied ich mich also nach Sonthofen zu fahren und mich selbst zu überzeugen, ob dem so sei.

Das Problem mit dem Schlafen löste ich so, dass ich nur das letzte Viertel des olympischen Marathons schaute und mich anschließend auf den Weg ins Allgäu machte. Für die Hinfahrt wählte ich die Strecke dem nördlichen Ufer des Bodensees entlang und kam auf den fast leeren Straßen zügig voran.

 
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Etwas früher als erwartet kam ich im Startbereich an, wo gerade mit dem Aufbau begonnen wurde. Es ging nicht lange, da war ich im Besitz meiner Startunterlagen und konnte mich um ein neues Problem kümmern: Weit und breit gab es kein Klo und der Schlüsselmeister des Toilettenwagens war erst auf 07.00 Uhr bestellt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als eine kurzfristige mentale Trainingssession mit massivem Ernstfallcharakter anzuberaumen. Schließlich ist die mentale Stärke eine wichtige Komponente des Erfolgs eines Marathonläufers…

Der Fairness halber sei gesagt, dass dies mein einziger Kritikpunkt ist und ich überzeugt bin, dass die Veranstalter die Toilettensituation im Startbereich noch verbessern werden. Wäre diese Bereitschaft nicht vorhanden, hätten sie auf der Webseite kein Feedbackformular eingerichtet. Also auch hier gute Aussichten!

Nach erfolgreichem Abschluss dieses unvorhergesehenen Trainings fuhr ich zum Parkplatz im Zielbereich beim Wonnemar, zog mich im Auto um, packte den eben erhaltenen Marathonbeutel und schlenderte die 800 Meter zum Startbereich beim Allgäu Outlet Center.

Es blieb mir noch eine Stunde bis zum Start und ich hielt Ausschau nach bekannten Gesichtern bekannter und mir persönlich noch nicht bekannter Läufer. Zum Beispiel nach der Startnummer 48, die der Weltrekordhalter Horst Preisler an seinem 1572 Marathon trug. Ihn vor die Linse zu bekommen habe ich nicht geschafft. Vielleicht lag es daran, dass ich mittlerweile fast schon wieder reif für etwas Bettruhe war und ohne Brille mit diesem Handicap zusammen den Durchblick nicht so hatte.

 An Stefan Timmermanns Outfit hatte ich einen Gradmesser für die Richtigkeit meiner Kleiderwahl. „Wenn er nicht mit nacktem Oberkörper startet, ist auch meine Funktionstuch-Kombination richtig, ansonsten bin ich zu warm angezogen“, reimte ich mir zusammen und nahm es in dieser Frage ungewöhnlich ruhig und locker.

 
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Pünktlich um 09.00, eine Viertelstunde vor den Kinderläufen und eineinhalb Stunden vor dem Halbmarathon, wurden wir auf die Strecke geschickt. Kaum in Bewegung gekommen, überquerten wir die Iller und waren auf dem Illerdamm in Richtung Sonthofer See bereits mitten in der Natur und nach wenig mehr als zwei Kilometern auch schon stramm am Berg. Nach zwei weiteren –im Übrigen durchgehend ausgeschilderten - Kilometern gab es nach einem kurzen Flachstück die erste Stärkung, bevor mit einer knackigen Steigung die folgenden zehn Kilometer bis zum höchsten Punkt der Strecke in Angriff genommen wurden. In dem noch etwas dichter beieinander liegenden Läuferfeld hatten die zu bewältigenden Höhenmetern noch nicht vielen Läufern die Puste geraubt und so blieb genügend Atem und Zeit für einen Schwatz hier und dort. Ein paar Worte mit Wolfgang, der schon über 50 Marathons bestritten und den Panorama Marathon als Einstieg ins Abenteuer Bergmarathon gewählt hat, mit Willi bei seinem Jungfernmarathon, mit Jürgen, der mit vielen Teamkollegen von der Kölner Kante her kam und mit dem für diesen Anlass gefertigten, leuchtend orangen Mannschafts-Shirt einen unübersehbaren Farbtupfer in die Landschaft setzte.

Die Aussicht, die sich immer wieder neu auftat und der Panoramaausblick vom Grünten bis zu den Oberstdorfer Bergen, wechselnder Untergrund, kurze Stücke im Schatten des Waldes, vereinzelte Zuschauer und freundlich grüßende Wanderer sorgten für Abwechslung. Anton und ich waren nicht die einzigen Läufer, welche immer wieder kurz stehen blieben und diese Ferienstimmung mit der Kamera festhielten. Zum Beispiel die Kuh beim Anstieg über die Hörnergruppe, welche ihre eigene imposante Hörnergruppe ins Bild setzte. Glücklicherweise friedlich und gemütlich liegend und nicht den Weg versperrend.

Dass der Weiherkopf mit rund 1660 Metern der höchste Punkt war, hatte ich im Vorfeld herausgefunden, mich aber nicht recht geachtet, dass dieser schon so schnell erreicht sein würde. Die aufmunternden Zurufe der Ausflügler, die mich auf diese topografische Wahrheit hinwiesen, wurden blitzartig durch die weitere Streckenführung zur Bergstation der Hörnerbahn bestätigt. Überhängend ist eine Übertreibung, nicht aber dass an einigen Stellen für Wanderer installierte Drahtseile waren. Weniger zum Hochziehen denn als Bremsvorrichtung, die ich dankend annahm.

Als der Boden wieder halbwegs eben war und man den Becher gerade halten konnte, ohne dass gleich alles übergeschwappt wäre, war auch wieder ein Verpflegungsposten mit gut gelaunten freundlichen Helfern.

Von dort an ging es, abgesehen von einer kurzen Gegensteigung zum Berghaus Schwaben hoch, nur noch abwärts – zum Glück nur in Sachen Profil. Der Weg hinunter durch das Bolgental war wieder asphaltiert und geeignet, es locker rollen zu lassen. Wer den Hinweis auf der Webseite für diesen Streckenabschnitt befolgte und sich nicht zum Rasen verleiten ließ, war für die zweite Streckenhälfte gut gerüstet und verspürte keinen Drang, sich kurz nach dem Getränkeposten vor Obermaiselstein auf einen der zahlreichen rustikalen Holzbänke zu setzten, welche dort zusammen mit unzähligen aus Baumstämmen gefertigten Brunnentrögen am Straßenrand auf Käufer warteten.

 
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Nach einer Straßenquerung gab es wieder einen Wechsel des Untergrunds. Bis auf ein paar wenige Meter waren die verbleibenden 19 Kilometer nicht asphaltiert. Die für mich immer herausforderndsten Kilometer, zwischen 25 und 30, vergingen durch den wechselnden Charakter der Strecke erstaunlich leicht, auch wenn ich dafür büßte, dass ich kurz vorher meinte, Antons Tempoverschärfung mitmachen zu müssen. Immerhin war ich damit so beschäftigt, dass mich die vertauschten Kilometertafeln 24 und 25 nicht so sehr verwirrten (obwohl sogar ich – entgegen anders lautenden mathematischen Berichterstattungen – weiß, dass die 25 nach der 24 kommen müsste).  Zudem waren sonst auch die Stellen, an welchen es die kleinste Unsicherheit über den Streckenverlauf hätte geben können, unübersehbar deutlich ausgeschildert.

Das Feld war mittlerweile ordentlich auseinandergezogen und es boten sich nicht mehr viele Gesprächsmöglichkeiten. Dafür war schon der Wendepunkt beim Illerursprung erreicht und nach einer weitern Verpflegung konnte gestärkt der letzte Anstieg nach Rubi in Angriff genommen werden, bevor es dann für die letzten Kilometer auf dem Illerdamm zurück nach Sonthofen ging. Zwar war man hier der Sonne ausgesetzt, dafür wurde man weiter mit Aussicht beglückt. Kurz vor dem Kilometerschild 38 kam „die Burg“ ins Blickfeld, ein untrügliches Zeichen dafür, dass es nicht mehr weit bis Sonthofen war und dieser wunderschöne Erlebnislauf langsam aber sicher dem Ende zuging.

 
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Die wichtigsten Eindrücke, welche ein informatives Bild zu diesem Marathon abgeben, hatte ich zu diesem Zeitpunkt bildlich bereits festgehalten. Deshalb konzentrierte ich mich nochmals auf meinen Laufstil und versuchte das Tempo zum Schluss hin noch etwas zu erhöhen. Das gelang mir so gut, dass ich die geplante Zielzeit ohne Fotohalt sogar mit Fotopausen um fünf Minuten unterschritt, dies sogar ohne einen Anhaltspunkt des Pulsmessers zu haben, denn die Batterie des Brustgurts hatte am Morgen noch vor dem Start den Geist aufgegeben.

Der Empfang im Ziel war herzlich, die Stimmung familiär und die Früchte zur Erfrischung eine Wonne für Auge und Gaumen. Bei diesen Leckereien und reichlich Weißbier – der bleifreien Ausgabe für Sportler natürlich - ließ sich so mancher Schwatz abhalten und niemand schien in großer Eile zu sein, die Duschen zu stürmen. Es gab auch keinen Grund dazu: Die Temperatur war spätsommerlich angenehm und zum Duschen stand allen Teilnehmern das Wonnemar zur Verfügung – mit sämtlichen Annehmlichkeiten von Bad und Sauna.

Frisch geduscht machte ich noch kurz Halt beim gastronomischen Angebot, um mich für die Heimreise zu stärken, die ich leider schon bald antreten musste. Die Preise für die angebotenen Speisen waren mehr als fair und gerne wäre ich dem Wunsch gefolgt, draußen im einladenden Sonnenschein noch etwas sitzen zu bleiben. Wie schon vorher bei der Massage, überließ ich denen meinen Platz, die sich etwas mehr Zeit an diesem Sonntag freischaufeln konnten. Trotzdem ich nicht das volle Programm auskosten konnte, war dieser Marathon ein weiterer Lauf, den ich in vollen Zügen genießen konnte, ein Kürzesturlaub, dessen Länge im umgekehrten Verhältnis zu Erlebnis  und Genuss war.

Jede meiner Marathonreisen ist bekanntlich auch eine Bildungsreise der einen oder anderen Art (Diese Aussage darf bei Bedarf gerne ohne Quellenangabe als Argument der Familie gegenüber verwendet werden). Meinen Bildungshorizont habe ich unter anderem dadurch erweitern können, dass ich jetzt weiß, was der Mittelwert der zwei anderen Marathonveranstaltungen im Allgäu ist, die ich vorher schon bestritten hatte. Für meinen ehemaligen Mathematiklehrer, der sich bei dieser Frage am Kopf kratzen müsste, gebe ich die Lösung bekannt. Der Mittelwert des Königschlösser Romantik Marathons in Füssen und des Immenstädter-Gebirgsmarthons ist: Der Allgäu Panorama Marathon.

Quod erat demonstrandum? Egal, ich habe den Beweis – ich war dabei.

 

Informationen: Allgäu Panorama Marathon
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