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Laufberichte

Sport und kluge Sprüche

15.03.08

Jedes Mal wenn ich jemanden sage, dass es Läufe gibt, bei denen sechs Stunden lang auf einer kurzen Runde gelaufen wird, ist die erste Reaktion Erstaunen, Unverständnis und Mitleid. Meist aber dauert es nur zwei Minuten und die Leute begreifen, dass so ein Rundenlaufen ganz interessant, abwechslungsreich und vergnüglich ist. Meine Argumente sind also offensichtlich einleuchtend.

Weil ich von meinen Argumenten selbst überzeugt bin, wie meistens, laufe ich in Nürnberg jedes Jahr. Nürnberg ist so ein Rundenrennen,  von Stuttgart aus gut erreichbar, die Verpflegung ist ausgezeichnet, die Organisation mitsamt ihren vielen Zählern hervorragend, die Strecke verläuft in einem schönen Park und es ist dort immer was los. Dieses Jahr war ich das fünfte Mal dabei.

Um 6.50 Uhr holte ich meinen Vereinskameraden Bernd ab und nach ca. zwei Stunden Autobahnfahrt waren wir an der Wöhrder Wiese in Nürnberg. In aller Ruhe konnten wir unsere Startnummern abholen und noch mit dem einen oder anderen etwas reden. Z.B. mit Dieter Albrecht, etwas älter und trotzdem schneller als ich, wollte heute langsamer laufen. Für ihn war Nürnberg ein letzter Test, bevor er nach Athen flog, um ab kommendem Freitag an dem 7-Tageslauf dort teilzunehmen. Auch Elke Streicher trafen wir, die ebenfalls in Athen gemeldet war, heute aber trotzdem schnell laufen wollte. 

Natürlich darf in Nürnberg Uli Etzrodt auf seiner Hausstrecke nicht fehlen, selbst wenn er früh morgens wegen des Streiks in Berlin mit dem Fahrrad zum Flughafen radeln musste.

 
LT Sulz am Eck
© marathon4you.de 7 Bilder

In Nürnberg ist jeder der ca. 25-30 Zähler für fünf bis sechs Läuferinnen und Läufer verantwortlich, was bedeutet, dass er sechs Stunden konzentriert bei der Sache sein muss und aus dem Pulk der Vorbeilaufenden „seine“ Schützlinge zuverlässig entdecken und auf der Strichliste vermerken muss – ganz sicher keine leichte Aufgabe - da hat man schnell jemanden übersehen. Jeder Läufer, jede Läuferin muss also beim Vorbeilaufen sicherstellen, dass man von ihm auch gesehen wird.

Rechtzeitig vor dem Start stellt man sich zum Kennenlernen „seinem“ Zähler vor, so er auch weiß, wen er zählen muss. Dieses Verfahren ist offensichtlich so zuverlässig, dass bei allen meinen bisherigen Teilnahmen noch nie ein Fehler passiert ist und auch dieses Mal klappte es einwandfrei. Jedes Mal beim Vorbeilaufen verständigten wir uns ganz kurz und ich bekam jeweils ein Signal: „Eberhard, ich hab Dich!“ Herzlichen Dank an dieser Stelle.

 
Instruktionen für die Zähler
© marathon4you.de 3 Bilder

Kurz nach 10 Uhr wurde gestartet und ich konnte gerade noch rechtzeitig das WC-Häuschen an der Strecke verlassen und mich hinten anschließen. Wie immer ging es recht gelassen zu, hat doch jeder Läufer dieselbe Zeit zu laufen. Trotzdem hatte sich das Feld schon nach einer Minute auseinandergezogen und jeder konnte sein Tempo laufen, ohne gestört zu werden.

Der Kurs ist genau 1.522 Meter lang und verläuft rund um die Wöhrder Wiese, einem öffentlichen Park, schön gelegen, mit einer großen Wiese in der Mitte, die, je nach Tageszeit, als Spielplatz für Alt und Jung diente, oder auch zum Ausführen der Hunde. Nach dem Start steigt der Weg zuerst ganz sanft an. Links verläuft die Pegnitz, die man nach etwa 400 Metern verlässt und nach rechts weiter läuft, bis man dann auf der „Gegengeraden“ unmerklich wieder abwärts läuft. Links ist ein zum Bächlein verkleinerter Seitenarm der Pegnitz, der dann nach weiteren 700 Metern breiter wird und sich mit dem Hauptfluss wieder vereinigt - genau dort, wo die Strecke scharf nach rechts abbiegt und man nach wenigen Metern bereits an der Verpflegungsstelle anlangt. 

Je nach Temperament und Ambitionen hält man sich hier kurz auf, oder schnappt sich im Vorbeilaufen einen der Becher, läuft an der Schar der Zähler vorbei und hat dann bald wieder den Startpunkt erreicht und es geht in die nächste Runde. Hohe Bäume säumen rundum den durchgehend asphaltierten Weg, links kommt immer wieder eine Parkbank, auf der sich Müßiggänger die Zeit vertreiben.

 
Los geht's
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Meine Zeit für die 50 km die Woche zuvor in Marburg hochgerechnet ergab genau 10 Minuten für eine Runde. Schön, damit war die Rechnerei ganz einfach: pro Stunde sechs Runden, gibt insgesamt 36 Runden, also etwa 54,8 km. Exakt in diesem Tempo lief ich los und hoffte, dass ich es bis zum Schluss durchhalten konnte. Die ersten Runden jedoch wurde ich durch das Fotografieren etwas aufgehalten und musste daher immer wieder schneller laufen, um die Zeit einzuhalten. Bernd wollte etwas schneller laufen und hatte sich nach wenigen hundert Metern deutlich nach vorne abgesetzt.

Die Verpflegungsstelle bot, wie immer, alles was ein Läufer gerne hat: Wasser, Kräutertee, Orangensaft, Apfelsaft, Cola, Malzbier, Gemüsebrühe, Iso, wobei alles säuberlich nacheinander aufgestellt und deutlich ausgezeichnet war. Die Becher waren aus festem Plastik. Man warf sie in die bereitgestellten Behälter, sie wurden gespült und dann sofort wieder eingesetzt – vorbildliches Umweltverhalten. Direkt an die Getränke schloss sich die restliche Verpflegung an: hart gekochte Eier, Orangen-, Apfel- und Bananenstückchen, verschiedene belegte Brote, Schokolade und Salziges. All das nach jeweils zehn Minuten - wer bei diesem Lauf etwas an der Verpflegung auszusetzen hat, dem kann vermutlich überhaupt nicht geholfen werden.

 
Die gute Verpflegung ist berühmt
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Wie üblich wurde ich auch dieses Mal mehr überholt, als ich selbst überholte. Ich hatte meine zweite Runde noch nicht ganz beendet, als mich Robert Wimmer bereits das erste Mal überrundete. Der hatte heute offensichtlich Großes vor! Allerdings bezweifelte ich, dass er dieses Tempo bis zum Schluss durchhalten konnte. Tatsächlich sah ich dann, wie er Stunden später den Lauf vor der Zeit beendete. Ob ihm die 56 km genügten, die er gelaufen war und ob das so geplant war?

Auch eine kleine Frau flitzte bald an mir vorbei und wiederholte ihre Überrundungen recht regelmäßig die ganzen sechs Stunden, ohne im Tempo nachzulassen. Ob sie gewonnen hat, weiß ich nicht, ganz sicher aber war sie vorne mit dabei.


 
Robert Wimmer (vorne) auf Rekordkurs
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Jedes Mal wenn ich in Nürnberg laufe, fallen mir die Tafeln mit den Sprüchen auf, die entlang der Strecke aufgestellt sind. Dieses Jahr nahm ich in jeder Runde welche auf und hoffe, dass ich keine übersehen habe. Manche ergeben einen Sinn, wenige treffen den Charakter eines solchen Laufes perfekt und mit ein paar wenigen fange ich gar nichts an.

 
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Am Vortag und auch in der Nach noch regnete es, Teile der Wiese waren regelrecht überschwemmt. Rechtzeitig zum Start aber war der Himmel blau und nahezu wolkenlos, die Sonne schien und wir hatten angenehme Temperaturen von vielleicht 10-12 Grad. Im Laufe des Tages wurde es in der Sonne manchmal sogar unangenehm warm, aber meist setzte sich bald eine Wolke vor die Sonne, so dass es gut auszuhalten war.

Ansonsten ging es wie jedes Jahr recht unterhaltsam zu. Hunde wurden ausgeführt, Müßiggänger saßen auf den Bänken neben der Strecke, Spaziergänger bevölkerten den Weg, Fahrradfahrer kamen uns immer wieder entgegen, oder überholten, Kinder rannten auf dem Weg umher und die Fußballer vergnügten sich auf der Wiese. 

Wir waren sechs Stunden lang in das übliche Leben in dem Park eingebunden, brachten ein wenig Abwechslung in die Routine und wurden durchgängig toleriert, manchmal sogar bewundert: „Das sind Menschen erster Klasse!“ hörte ich im Vorbeilaufen einen älteren Herrn zu seiner Frau sagen und auch ein paar Jugendliche beeindruckten wir: „Die sehen aber noch echt fit aus!“ meinte einer, nachdem wir bereits über vier Stunden auf der Strecke waren. Eine Frau gar hatte Mitleid mit uns. Als sie hörte, dass der Lauf sechs Stunden lang war, bedauerte sie uns ganz spontan, ohne zu überlegen, dass wir das ja freiwillig taten.

Wie jedes Jahr waren auch die Musikanten wieder da. Unermüdlich bearbeiteten sie ihre Trommeln, ab und zu wurde eine Flöte dazu gespielt. Zuerst waren sie zu zweit, dann gesellte sich ein dritter dazu und irgendwann wechselten sie auf die andere Seite der Wiese, machten Pause, um dann, verstärkt um zwei Saiteninstrumente wieder loszulegen.

 
Das Betreuerteam hat auch nichts zu lachen
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Während der ersten zehn Runden fotografierte ich immer wieder, trug meine Kamera noch ein paar Runden mit und legte sie dann in meinen Rucksack, den ich an der Strecke deponiert hatte. Ich hatte alles fotografiert, was es so zu sehen gab und wollte sie erst in der letzten Stunde wieder mit auf die Strecke nehmen. Wie es der Teufel will, kam dann aber das diesjährige große Event. Zwei Runden später sah ich, wie einige Läufer, die mich bereits mehrmals überholt hatten, stehen blieben und in die Ferne schauten. Ich wunderte mich. Bernd, der jetzt mit mir lief, erklärte, dass die vermutlich auf die Sprengung des Kamins warteten, den wir in etwa 300 Meter Entfernung sahen. 

Hätte ich den Apparat noch dabei gehabt, wäre natürlich ein Vorher- Nachher-Bild entstanden, so aber kümmerten wir uns nicht, liefen weiter und hörten kaum eine Minute später einen gewaltigen Knall. Eine Runde später war von dem hohen Kamin und seinem Sockel nichts mehr zu sehen. Einige Runden lang bevölkerten danach Scharen von Zuschauern des Spektakels auf ihrem Heimweg die Strecke, bis auch das Vergangenheit war.

Nach drei Stunden hatte mich Bernd das zweite Mal überrundet. Er hatte 20 Runden und damit etwas mehr als 30 Kilometer zurückgelegt und wollte ab jetzt etwas langsamer tun. Gemeinsam liefen wir dann die zweite Hälfte bis zum Ende und unterstützten uns dabei moralisch, denn so langsam begann es zäh zu werden, der Leib meldete sich mit leichten Schmerzen hier und da und auch kräftemäßig war es nicht mehr so wie zu Beginn. Bisher hatte ich mein Ziel von 10 Minuten pro Runde ziemlich automatisch erreicht, jetzt aber wäre ich die eine oder andere Runde gerne etwas langsamer gelaufen. Wenn man aber mit einem Partner läuft, reißt man sich leichter am Riemen, als wenn man alleine wäre. 

Glücklicherweise gab es auch jetzt noch jede Menge Abwechslung und da ich das Tempo immer noch halten konnte, begann nun die Zeit, in der man manch einen überholte, von dem man zuvor mehrmals überrundet wurde. Einige überschätzen sich ganz offensichtlich und müssen dann in der zweiten Hälfte das Tempo drosseln, um über die Runden zu kommen. Wir sahen einige, die die letz-ten beiden Stunden nur noch gehend durchkamen.

 
Elke auf Kurs
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Die letzte Stunde war angebrochen und Bernd bekam sein rotes Fähnchen, das er eine Runde lang mittragen durfte. Es signalisierte, dass er in dieser Runde die 50 Kilometer erreichen würde. Zwei Runden später bekam auch ich das Fähnchen, freute mich und gab es am Ende der Runde wieder meinem Zähler.

Noch knapp eine halbe Stunde hatten wir jetzt zu laufen. Seit drei Runden trank ich Cola, was mir den Schub geben sollte, auch die letzte Stunde das Tempo halten zu können. Tatsächlich gelang uns das auch, auch wenn ich während dieser 30 Minuten richtig Druck machen musste, um das Tempo halten zu können. Als dann das Ende-Signal aufforderte, den Stab fallen zu lassen, fehlten mir nur noch 388 Meter bis zum Ende der 36. Runde: Ende gut, alles gut.

 
50 km in Runde 33
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Die fünf Minuten Fußweg zur Halle, in der man duschen konnte und auch noch etwas zum Essen und Trinken bekam, war dann aber deutlich beschwerlicher, als die sechs Stunden zuvor. Mein Körper ließ mich deutlich spüren, was ich ihm angetan hatte. Trotzdem aber war Nürnberg auch dieses Jahr wieder eine Reise wert und wenn es mein Plan irgendwie zulässt, bin ich nächstes Jahr wieder auf der Wöhrder Wiese mit dabei.

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Siegerliste
Männer
1. Peel Kuranga Neusiedl Neusiedl/A - 76,137 km
2. Kilian Manfred Nürnberg LG Blumensaat/Nbg. - 75,117 km
3. Fröhlich Siegfried Ammerbuch TSV Kiebingen -  68 74,831 km

Frauen
1. Wünsche Sylvia Lauf Lauf/Pegnitz  - 72,552 km
2. Sandberger Ilse St. Agatha Laufteam Donautal/A  - 72,097
3. Seidel Grit Berlin LG Nord Berlin - 66,787 km

 

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Statistik
Teilnehmer: 155 (Limit ist 160)

Kosten
33 Euro bei rechtzeitiger Anmeldung, ansonsten 40 Euro

Zeitnahme
Eine Zeitnahme ist nicht nötig, alle hören zur selben Zeit auf; die Runden werden von persönlichen Zählern erfasst.

Streckenbeschreibung
Flacher Rundkurs, genau 1.522 Meter lang. 

Verpflegung 
Wasser, Kräutertee, Orangensaft, Apfelsaft, Cola, Malzbier, Gemüsebrühe, Iso; hart gekochte Eier, Orangen-, Apfel- und Bananenstückchen, belegte Brote, Schokolade und Salziges.

Zuschauer
Ständig wechselndes Publikum.

 

Informationen: 6-Stundenlauf Nürnberg
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