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Laufberichte

Drei Länder – vier Etappen – fünf Orte

09.07.11

Fotos: Kay Spamer

„Heeoh, heeeoh!“ – schon von weitem sind die Rufe der Schaftreiber zu hören. Es ist 10:00 Uhr morgens, das Gatter wird geöffnet und aus dem Ort strömt eine mächtige Herde blökender Schafe.

Mittendrin im hektischen Gewimmel lehnen Uta und Heinrich Albrecht, die Macher von Plan B, auf ihren Hirtenstäben und achten darauf, dass die Lämmer und Schafe den Weg nach draußen finden. Wie schon seit 2005 beim Transalpine-Run, begleiteten sie die nächsten 4 Tage den Schaftrieb von Garmisch-Partenkirchen durch die Alpen nach Samnaun in der Schweiz. Die Berggipfel rund um das schöne Dorf werden von der Sonne beleuchtet, eine Wegmarkierung ist gut zu erkennen und vor uns liegen über 157 Kilometer und 9899 Höhenmeter. Das Abenteuer kann beginnen!

„Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Reisepass, Zahnbürste und Taschenmesser“

Eigentlich reichen ein paar Laufschuhe und es kann losgehen. Wer das sagt, der hat Trailrunning noch nicht probiert. Off-Road Schuhe, Gamaschen, Rucksack (nicht irgendein Rucksack), Stöcke, Jacke, Tuch, Signalpfeife, warme Kleidung, Kartensatz und Kompressionsstrümpfe.

Übrigens, hier sieht man auch Männer in Tracht durch den Ort laufen mit Grün-Weiß gestrickten oder Grün-Grau gestrickten Wadenstrümpfen. Die einen tragen geringelte, die anderen tragen Rautenmuster am Bein. Wie wir erfahren, erkennt man an den Strümpfen, ob der Herr in Tracht von Garmisch oder von Partenkirchen stammt und ob er zu einem Fest (Rautenmuster) oder zur Arbeit (geringelt) geht. Erst seit den Olympischen Spielen 1936 wurden die Gemeinden Garmisch und Partenkirchen zusammengeschlossen. Früher hätte kein Partenkirchener eine Frau aus Garmisch geheiratet. Oder wie bei uns zu Hause kein Frankfurter eine Frau aus Offenbach oder Mainz keine aus Wiesbaden oder Köln niemanden aus Düsseldorf…

 
© marathon4you.de 54 Bilder

Bei der Registrierung in Garmisch-Partenkirchen erhalten wir eine Reisetasche (Volumen: 100 l), die mit unsere Startnummer bereits gekennzeichnet ist. In diese Tasche muss unser komplettes Gepäck für vier Tage - gleich die erste Herausforderung. Auch die Startnummer und Trailbooks erhalten wir hier. Da haben wir ja nochmal Glück gehabt, ich hatte schon Angst, wir bekämen anstelle einer Startnummer eine Ohrenmarke verpasst. Gut, vielleicht fänden das manche sogar dekorativ, so ein „Ohrring“. Der Viehhüter könnte auch mit seiner Digitalkamera Ohrmarken-Portraits und Ganzkörperaufnahmen seiner Herdenmitglieder vor dem Almauftrieb schießen und sie dann in seinem Laptop speichern, um sie im Ernstfall abrufen zu können. Vielleicht sollten wir das mal vorschlagen?

Während heute unsere Damenfußballnationalmannschaft gegen Frankreich spielt, haben wir unser Briefing bei jeder Menge Pasta.

Jetzt beginnt die Zeit des Almauftriebs

Bergschafe gelten als trittsicher, schwindelfrei, und robust. Sie fühlen sich auch in einer Höhe von mehr als 2.500 Metern wohl. Auf den Bergen sind die Schafe auf sich alleingestellt, regelmäßig aber sieht ein Hirte nach dem Rechten und bringt den Tieren ein Zufutter aus Salz und Weizenkleie. Die Schafe legen oft mehrere Kilometer am Tag in ihren weiten Bergarealen zurück. Warum ich das alles schreibe?

Es ist Almauftrieb

Auch wir werden größtenteils auf uns alleingestellt sein und ab und zu bringt uns ein Mitarbeiter von Plan B, der sogenannte Hirte, ein Zufutter an die Strecke. Wir werden wie die Schafe viele Kilometer in den weiten Berggebieten zurücklegen und es wird sich zeigen, ob wir gleichfalls so trittsicher, schwindelfrei und robust sind wie die Schafe auf den Almen. Abgesehen von solchen Äußerlichkeiten, die zu lustigen Gedankenspielereien verleiten, findet man in einer Schafsherde auch die verschiedensten Charakterzüge, die man vom Menschen kennt: Aggressivlinge, die erst mal herumpöbeln, bevor sie vernünftig diskutieren, wenn der Viehhüter nicht sofort das Lecksalz rüberwachsen lässt. Angsthasen, die schon bei zu langem Augenkontakt das Weite suchen. Einzelgänger, die sich immer erst alles aus der Entfernung ansehen und die Nachläufer.

 

1. Etappe von Garmisch-Partenkirchen nach Ehrwald

 

37,8 km  -  2473 Höhenmeter im Aufstieg - 2176 Höhenmeter im Abstieg

Das Rennen hat noch nicht angefangen, der Puls ist bereits jetzt schon auf fast 100 Schläge pro Minute. Die internationale Trailrrunning-Elite gibt sich bei der Premiere der SALOMON 4 TRAILS die Ehre. Die Siegerin des Zugspitz Ultratrail 2011 und Siegerin des Ultratrail Serra de Tramuntana 2010, Julia Böttger, ist am Start. Daneben auch Anna Frost aus Neuseeland, Tom Owens, der zweimalige Sieger des Transalpine-Run aus Schottland, Christian Stork und der 19-Jährige Philipp Reiter. Die Leute applaudieren.

10:00 Uhr: inmitten der Herde von Schafen, ich meine Läufer, sind auch wir aufgebrochen, um das Ziel in Ehrwald zu erreichen. Insgesamt werden heute – am ersten Mittwoch im Juli – etwa 169 Schafe, aus 13 Nationen, ich meine natürlich Läufer, aufgetrieben.

Auf den ersten Metern haben wir noch das unbeschreiblich schöne Gefühl der Leichtigkeit und der Schmerzlosigkeit. Im Moment laufen wir aus dem Ort so ca. 1,5 km eben auf Asphalt. Wir wissen, das wird sich ändern. Für heute hat uns der Tourismusdirektor von Garmisch und somit auch für Deutschland, wunderschönes Wetter vorhergesagt, auf 2.000 m etwa 20 Grad. Wie das die Kollegen dann morgen in Österreich hinbekämen, kann er nicht sagen, aber er meinte: „Wir Alpinen halten zusammen“.

Wanderwege und Trails um das Zugspitzmassiv - an keinem anderen Ort in Deutschland geht es so hoch hinaus. Wir verbringen 99 % unseres Lebens in den gesicherten Gürteln der Zivilisation. Ab jetzt laufen wir im großen Freizeitpark Natur. Wir wissen, wir können diese Herausforderung schaffen, jedoch auch das jeweils gesetzte Zeitlimit? In dem uns ausgehändigten Trailbook sind die Strecken und die Verpflegungspunkte mit den Zeitlimits notiert und müssen griffbereit mitgeführt werden.

Das Trailbook wird ab heute unsere Bibel – sie gibt unser Tempo vor. So müssen wir am heutigen Tag spätestens den ersten Verpflegungspunkt (V1) um 12:45 Uhr erreichen. V2 um 16:00 Uhr, V3 um 18:00 Uhr und das Ziel müssen wir bis 19:30 Uhr erreicht haben. Sollten wir nicht in diesen vorgegebenen Zeiten ankommen, so würden wir aus Sicherheitsgründen aus dem Rennen genommen werden. Wir dürften dann zwar am nächsten Tag wieder starten, jedoch wären wir nicht mehr in der Wertung. Unvorstellbar dieser Gedanke!!! Egal wie, wir wollen die herrliche Alpenlandschaft erobern, wir werden uns das Finisher-Shirt holen! 

Wir sehen das Wettersteingebirge, das den Nördlichen Kalkalpen zugeordnet wird. Es ist heiß, schwülheiß. Bereits auf den ersten Kilometern tropft der Schweiß. Etwa 10 km laufen wir auf einer breiten Forststraße stetig ansteigend. Ich werde ja schon fast übermütig, bis jetzt geht´s doch gut, oder?

Sie blöken, sie mähen, sie meckern und manchmal pfeifen sie sogar. Allerdings nur dann, wenn Gefahr herrscht. Die Rede ist von Schafen, die gar nicht so dumm sind, wie es im Volksmund heißt. Schafe können sich nämlich etwa 50 Schafgesichter merken. Und das bis zu zwei Jahre lang. Sie merken sich, welches Futter ihnen gut tut und von welchem sie krank werden. Ein Läufer erzählt mir seine Anamnese und warum er keine Zeit zum Training hatte. Aber, da können wir wohl alle ein Wörtchen mitreden.

 
 

Informationen: 4 Trails
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