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Laufberichte

Tage wie diese

21.07.12

Liebevollstes do-it-yourself an der Schwelle zur Perfektion. Die 24-Stunden von Le Mans, äh Dettenhausen ziehen Ultraläuferinnen und Ultraläufer aus ganz Europa an. Zwanzig von ihnen erlaufen bei zeitweise widrigen Wetterbedingungen auf stellenweise schwierigstem Terrain jeweils über 100 Kilometer, fünf von ihnen knacken die 150 und einer gar die 200. Doch jetzt mal der Reihe nach.

Vor 19 gelaufenen Marathons war ich schon einmal hier. Aus Neugier. Einerseits wollte ich damals ein bisschen Rennatmosphäre schnuppern, andererseits  war es für mich völlig unbegreiflich, wie man 24 Stunden am Stück laufen soll. Damals war von Rennatmosphäre nicht viel zu spüre,  es ging äußerst familiär zu, kein Vergleich zu einem „normalen“ 10-km-Rennen.  Der Veranstalter weist auch immer wieder darauf hin, dass dies kein Wettbewerb sei und dementsprechend die Ergebnisse auch nicht bestlistenfähig.

Heute, nachdem ich selbst dort mitgelaufen bin, hat sich die Enttäuschung gelegt. Nur meine Verwunderung über die gezeigten sportlichen Leistungen, die bleibt.
Natürlich bin ich nicht 24-Stunden am Stück gelaufen. Ich war Teil einer Mannschaft, denn die 24 Stunden dürfen sich auch bis zu 12 Leute teilen. Davon haben 15 Teams Gebrauch gemacht. Startgeld, wie bei den bisherigen 7 Auflagen: keines.

Wo dieses Dettenhausen liegt?. Als Ausgangspunkt wähle ich mal wieder Stuttgart, jene Landeshauptstadt, in der man alles kann außer Hochdeutsch und Marathon. Genau genommen und in Luftbildern gut zu sehen, beginnt hier ein Wald, der mich immer ein bisschen an ein Seepferdchen erinnert. Der untere Teil des Tieres bildet den Naturpark Schönbuch und beginnt dann etwa 20 km Luftlinie entfernt in südlicher Richtung. Auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist Dettenhausen, Endstation der Schönbuchbahn, bestens zu erreichen und vom Bahnhof zum Sportplatz geht man bequem in nicht einmal zehn Minuten.

Ich wohne hier ums Eck und nehme deswegen das Auto. Meine Ausrede heute, um mein ökologisches Gewissen zu beruhigen: Die Wettervorhersage ist schlecht, etwas Regen bei 18 Grad. Es wird also frisch bei Nacht und unter Umständen kann ich ja mal im Auto schlafen. Andere machen aus dem Sportplatz eine Zeltstadt. Alles geht ruhig und familiär zu, keine Hektik bei den Damen der Anmeldung, auch bei der Zeitnahme ist man absolut relaxed. Na ja, Zeitnahme ist ja so auch nicht richtig, die Zeit ist schließlich festgelegt. Aber zum ersten Mal werden die Runden mit einer elektronischen Messeinrichtung von Raceresult gezählt und nicht mehr durch freundliche Helfer mittels Strichliste. Das lässt sich nur durch Sponsoren stemmen. Einer von ihnen ist die Familie Motzer, örtlicher Fensterbauer und fest in die Vereinsarbeit des veranstaltenden VfL Dettenhausen integriert. Es wundert mich gar nicht, dass mehrere Mitglieder der Familie selbst Ultraerfahrung haben.

 
© marathon4you.de 38 Bilder

Während ich mir Gedanken über diesen Artikel mache und die ersten Bilder bis zum Start auf den Chip bringe, haben meine Teamkollegen unseren Beitrag zur Zeltstadt fertiggestellt. Dann darf ich ran. Unmittelbar nach der Rundenmessstelle befindet sich die Verpflegungsstelle und der Wechselbereich. Also der Start- und Zielbereich. Kurzer prüfender Blick zum Fuß nach der roten Papierlasche mit dem Chip, die an den Schnürsenkeln zu befestigen ist, schon kommt mein Kamerad ums Eck. Während die Ultralangstreckenläufer ganz relaxed laufen, darf ich rennen wie ein Hirsch. Das ist der Nachteil am Teamwettbewerb. Abklatschen und los geht's.

Direkt nach rechts abbiegen und hinauf Richtung Wald. Dann am Schützenhaus vorbei und auf dem Wiesenweg dem Waldrand entlang, wieder links  auf eine Straße, die am Rande des Wohn- und Industriegebietes vorbeiführt. Wieder geht es leicht bergauf. Nach einer kurzen Links-Rechts-Kombination, erreiche ich das Sportgelände und damit auch gleich unser Versorgungszelt. Ich bekomme einen aufmunternden Zuruf: "Du kannst jetzt vom Gehen ins Laufen übergehen."  Dabei laufe ich gerade einen sub4-Kilometerschnitt.

Entlang der Breitseite des Fußballplatzes geht es weiter, enge Linkskurve, Dettenhausen hat keine Tartanbahn, an der Längsseite ganz hoch, wieder enge-linke, Breitseite, enge-linke. Der Längsseite entlang geht es jetzt an der - rund um die Uhr bewirtschafteten - Vereinsgaststätte vorbei. Danach riecht es auch noch nach frischem Steak - direkt an der Laufstrecke wird gegrillt. Ich muss nach rechts in den Start- und Zielbereich.

Die nächste Runde beginnt für mich nach 1,65 km und 8 Höhenmetern von vorne. Sub7 für eine Meile ist doch gar nicht so schlecht. Aber ich kann das Tempo auf den restlichen 3 Runden, die ich jetzt erst mal laufen soll, nicht ganz halten. Meine durchweg langen Läufe des ersten Halbjahres sprechen dagegen.

Ich hänge völlig ausgepumpt in den Seilen, da passiert mich glückselig lächelnd eine 24-Stundenläuferin. Blöde Rennerei. Mein Teamkollege Sitki Oru hat sich vorgenommen, seinem VfL Dettenhausen zum 100-jährigen Vereinsjubiläum ebenso viele Kilometer zu schenken. Auch er lächelt, als er mich so sieht. Wir haben ideales Laufwetter. Kühl, aber zum Laufen ideal und es ist trocken.

Ich habe erst mal Pause. Bis einer unserer Jungs sich um ein paar Minuten verspätet. Schnell das Leibchen mit der Startnummer übergezogen und zur Wechselstelle. Nur eine Runde. Alles beim Alten. Es strengt halt einfach an, auch wenn es nur eine gute Meile ist, die ich am Anschlag laufe. Ich frage mich ja, für wie bekloppt uns Rennsemmeln eigentlich die erfahrenen Ultraläufer wie der Deutschlandlauf-Finisher Jürgen Baumann oder TransEurope -Finisher Klaus Wanner halten. Die beiden drehen ganz entspannt Runde um Runde. Auch ein junger Ungar läuft wie ein Uhrwerk. Sechs Stunden sind schon vorüber, als ich so vor mich hin sinniere, da kommt auch schon wieder dieses glückselige Lächeln. Als wäre sie gerade erst gestartet.

 
© marathon4you.de 15 Bilder

Am Himmel wird es nun zunehmend finster und das hat noch nichts mit dem Sonnenuntergang zu tun. Wir wechseln und ausgerechnet Robin, unser Jüngster, läuft direkt in einen Wolkenbruch. Es regnet, als würde jemand Wassereimer ausschütten. Unter einem kleinen Biene-Maja-Regenschirm hingegen wird wieder gelächelt als hätten wir hier beste Bedingungen. Wer ist das eigentlich?
Sigrid Hiestermann, erfahrene Marathonläuferin aus meiner Ecke und Dettenhausen-Wiederholungstäterin, bringt bei einem Stück Torte mit reichlich Schlagsahne Licht ins Dunkel: Carmen Hamm und ja, auch Sie macht so etwas nicht zum ersten Mal.

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Informationen: 24-Stunden-Lauf Dettenhausen
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