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Laufberichte

Runde Sache im Viereck

10.05.15

Mein erklärter Saisonhöhepunkt ist es, den 10. Mai 2015 erfolgreich zu überstehen. Der 27. 12h/24h-Lauf zu Basel ist angesagt, und ich habe mich für den „Kurzen“ angemeldet. Dieses Jahr ist der 12 h-Lauf zudem das Rennen um die Schweizer Meisterschaften.

In den Wochen und Monaten vor dem Lauf habe ich gute Gründe, meinen Arbeitsweg abends zu Fuss zu absolvieren und diesen ab und zu um ein paar dutzende Kilometer zu verlängern. In Basel arbeitend und bei Basel wohnend führt so z. B. mein privater Birs/Birsig-Trainings-Marathon schön flach den beiden kleinen Flüssen entlang. Dabei geht es sogar quer über das Sportgelände, wo der 12h/24h-Lauf dann stattfinden wird. Das ist jeweils eine super Motivationsspritze.

Endlich ist der 9. Mai da. Die Wetterprognose verheisst Trockenheit, aber auch etwas Wärme. Das erstere gut, das zweite nicht ganz optimal. Kurz nach 23 Uhr komme ich bei der St. Jakob Sportanlage an. Diese liegt neben dem Fussballstadion unseres nationalen Ligakrösus FCB (liegt wohl an der Abkürzung). Die 24-Stündeler ziehen schon fleissig ihre Runden – es wird gelaufen, gegangen oder gehumpelt. Respekt. Der Rundkurs führt über 1,101 km um einige Fussballfelder. Auf den ersten Blick langweilig und eintönig. Auf den zweiten Blick flach, schnell und geschichtsträchtig. Der Höhepunkt war sicher 1998, als Yiannis Kouros den noch heute gültiger Weltrekord von 290,220 km im 24 h-Lauf auf der Straße lief. Ein anderer Rekord scheint dieses Jahr aber mehr in Gefahr: Ich will in meinem dritten 12 h-Lauf das erste Mal über 100 km laufen. Eben, ich sage es ja … geschichtsträchtig!

Das Sri Chinmoy Marathon Team hat – wie immer – alles bestens im Griff. Ich bekomme meine Startnummer und eine Trinkflasche als Bhaltis. Umziehen und einschmieren. Abkleben und einsalben. Letztes legales Doping und dann ab an den Start. Es werden noch die obligaten „Vorher“-Fotos gemacht. Ich spreche kurz mit meinem persönlichen Rundenzähler. Ein wichtiger Mann. Die vielen ZählerInnen tun, was offensichtlich ist, aber noch einiges mehr: Sie motivieren, informieren und halten uns wach – letzteres manchmal auch umgekehrt.

Punkt Mitternacht entlässt uns die Speakerin mit salbungsvollen Worten und den besten Wünschen in die lange Nacht. Ich laufe zum ersten Mal mit Musik im Ohr. Damit meine ich nicht das indische Standardangebot in Basel mit der Live Band in der 2. Ecke unseres Vierecks. Nein, ich erstand mir einen MP3-Player, habe aber von Tuten und Blasen keine Ahnung. So kommt es, dass das gleiche Lied verdächtig oft kommt … ja, überhaupt nur dieses eine Lied. Meine Runterladerei war misslungen. Dieses einzige Lied hat ein Arbeitskollege aus seinem Fundus rübergeladen, um zu demonstrieren, wie es geht. Nun habe ich wenigstens das Glück, dass er nicht Fan von Richard Claydermann ist. Nein, ein recht fetziges Lied von Meatloaf – mit perfekt passendem Rhythmus – treibt mich durch die ersten 4 ½ Stunden. Irgendwie passend zum doch eher repetitiven Charakter eines solchen Rennens.

Dann hängt es mir komischerweise zum Hals – eh zum Ohr – heraus, und ich geniesse doch lieber die indischen Weisen. Einige LäuferInnen laufen in dieser Ecke schneller, weil sie durch die Akustik so motiviert werden – andere schneller, weil sie dem Gedudel möglichst rasch entkommen möchten. So ist allen gedient.

Meine Zwischenzeiten oder eher „Zwischendistanzen“ sind planmässig. Nach 4 h Laufzeit über 40 km, nach 5 h knapp 50 km, nach 6 h etwas unter 60 km und nach 7 h 65 km. Es läuft sich gut. Der Morgen graut – nein, das Morgengrauen jubelt mir entgegen. Vogelgezwitscher ist ja auch nicht schlecht, aber das Morgenlicht ist noch besser. Einige Angedüdelte schwanken auf ihrem Heimweg vom anstrengenden Ausgang durch die Sportanlage. Sie kommentieren kritisch unser Outfit (nicht ganz zu unrecht) oder rennen einige Meter mit uns mit. Bald sind sie weg, und wir wieder alleine. Die Nachwuchsfussballer erschienen dann erst ab 10 h. Langsam trudeln auch Verwandte und Bekannte der LäuferInnen ein.

Nicht nur habe ich den MP3-Player nicht im Griff, auch die Ernährungstaktik hat noch Luft nach oben: Die Gels und Riegel sind die ersten paar Stunden gar nicht schlecht, dann aber ganz und gar schlecht. Nur schon der Gedanke an sie lässt mich erschaudern. Ich bin froh, dass ich weiterhin Lust auf Wasser, Cola und ein paar Salzstangen habe. Fast jede Runde klaube ich die letzteren aus dem Schälchen gemischter salziger Snacks. Jedes Mal wird es schwieriger, noch welche zu finden. Die aufmerksame Dame am „Buffet“ erkennt mein Leiden und macht eine Triage der letzten Vorräte. So hält sie meine Favoriten exklusiv für mich bereit – garniert mit aufmunternden Worten. Das meine ich mit perfekter Organisation. Merci!

Die Zeit schreitet voran. Dasselbe mache ich. Man sollte ja nicht immer vor den Problemen davon laufen – davon marschieren ist auch eine Variante. 11 Uhr ist ein gutes Stück vorbei, da kündet mein Zähler an, dass ich nächste Runde die kleine blaue 100KM-Fahne erhalte. Yesss!!! Ich raffe mich zu einem lockeren, würdigen Laufschritt für die Jubiläumsrunde auf. Mit leicht feuchten Augen nehme ich die Gratulationen der MitläuferInnen entgegen. Ist schon irgendwie emotional – geht das anderen auch so?

Langsam kommt auch die Speakerin in Hochform und verkündet einen neuen Schweizer Rekord der Damen im 24 h-Lauf. Denise Zimmermann erreicht schlussendlich über 221 km. Bravo. Im 12 h-Lauf bei den Männern gibt es einen fulminanten Endspurt durch Samuel Nef zu bestaunen. Er gewinnt mit über 138 km – vor Marcel Knaus mit 134 km und Ramon Casanovas mit 132 km. Knappe Sache.

Auf die mutmasslich letzte Runde bekommen alle eine grosse blau-weisse Fahne ausgehändigt, auf der der Name notiert ist. Die Fahne gilt es punkt 12 Uhr an der Strecke hin zu legen, damit auch die letzten Meter noch genau vermessen werden können. Ich erreiche 104,850 km und bin glücklich. Und fühle mich leicht schlapp.

Die warmen letzten Stunden haben ihre Wirkung nicht verfehlt. In der schön kühlen Garderobe sitzend, versuche ich mich zu sammeln. Der eine Mitläufer erzählt mir von seinem  3'100-Meilen-Lauf in New York – der andere von den vergangenen Europameisterschaften. Ich bin fasziniert. Nicht, dass ich im Moment solche Pläne schmieden würde. Dazu fühle ich mich momentan etwas aus der Puste, aber vielleicht werde ich jemals wieder für ein paar Minuten joggen gehen! Vielleicht.
 
Ich will die Kühle eigentlich nicht verlassen. So spät wie möglich begebe ich mich zur Rangverkündigung, die um 14 Uhr stattfindet. Dort gibt es auch noch einen Happen zu essen. Ein weiteres Doppel-Smiley für das OK. Ich gönne mir eine kleine Portion Reis mit Gemüse. Der richtige Kohldampf wird wohl dann erst später kommen. Die Rangverkündigung ist, wie üblich, etwas langfädig – vor allem wenn man nicht davon betroffen ist. Auch dieses Jahr dauert es seine Zeit, bis alle Kategorien dran kommen, alle Früchtekörbe verteilt sind und das auf Deutsch und Englisch. Die vielen tollen Leistungen erhalten somit aber ihren verdienten Applaus. Alle Teilnehmenden steht noch ein Naturalpreis zu. Ich finde sogar mein Diplom und schnappe mir eine Medaille.

Das war eine gute Sache. Ich bin gespannt, wie lange ich brauche, bis die Batterien wieder geladen sind. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich in Basel an den Start gehe. Vielleicht mal beim 24 h-Lauf? Herzlichen Dank an alle, die uns LäuferInnen unterstützten.


Resultate 12 h-Lauf, Damen:
1. Schiffen Steffi (GER), 99,450
2. Zolliker Sandra (SUI), 95,490
3. Nevermann Anke (GER), 95,044

Resultate 12 h-Lauf, Schweizer Meisterschaft Damen:
1. Zolliker Sandra (SUI), 95,490
2. Thomi Muriel (SUI), 88,114
3. Scheidegger Esther (SUI), 82,098

Resultate 12 h-Lauf, Herren / Schweizer Meisterschaft Herren:
1. Nef Samuel (SUI), 138,540
2. Knaus Marcel (SUI), 134,134
3. Casanovas Ramon (SUI), 132,945

Resultate 24 h-Lauf, Damen:
1. Zimmermann Denise (SUI), 221,414 (Schweizer Rekord)
2. Bethke Ricarda (GER), 201,883
3. Gehin Fabienne (FRA), 176,266

Resultate 24 h-Lauf, Herren:
1. Langpeter Hilmar (GER), 225,619
2. Marcato Andrea (ITA), 210,966
3. Jörg Markus (SUI), 193,270


Finisher insgesamt: 98 LäuferInnen aus 13 Nationen

 

22.5.15/mb

 

 

Informationen: 12/24 Stunden-Lauf Basel
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