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Laufberichte

Mein erster 100er

 

XXXIII. 100km Lauf und 26. deutsche Meisterschaften im 100 km Straßenlauf in Grünheide/Kienbaum

Wie kann man es schaffen unvorstellbare 100 km am Stück zu laufen?  Schnell anlaufen,  im Mittelteil steigern und zum Schluß spurten!

Aber im Ernst - kann I C H diese Distanz schaffen? Mein erster 100er braucht einen genauen Plan. Ich möchte auf jeden Fall das Limit von 13 Stunden schaffen. Vorausgesetzt, mein Plan geht auf, wird es eine Zeit von 12:50:00. Noch nie bin ich so lange gelaufen. Entsprechend nervös stehe ich am Start.

Der 100er von Kienbaum wird traditionell vom Berliner Sommerbiathlonverein 1991 eV, der ESV Lok Seddin und anderen Berliner Leichtathleten veranstaltet. Das Motto lautet: „Von erfahrenen Läufern für Ultralangstreckenläufer organisiert“. Im Programm: Läufe über 100 und 50 km sowie ein Mannschaftslauf über 100 km mit mindestens 2 und maximal 5 Aktiven.

Integriert in die Veranstaltung sind die diesjährigen 100 km-Meisterschaften des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Begonnen hat alles 1976. Der erste (noch inoffizielle) 100 km-Lauf entstammte einer Idee der Berliner Wolfgang Kahms (heute LC Ron-Hill Berlin) und Roland Winkler (jetzt SCC Berlin). Gelaufen wurde seinerzeit auf einer 10 km-Waldrunde in Grünheide. Von sechs Teilnehmern erreichten drei das Ziel. Nach dieser „Generalprobe“ gab es 1977 die erste offizielle Veranstaltung. Bei 38 Teilnehmern gab es 14 Zieleinläufe. Beide Läufe gewann Roland Winkler. 1979, 1981, 1983 und 1989 belegte er nochmals zweite bzw. dritte Ränge. Auch Mitbegründer Wolfgang Kahms siegte 2mal (1978 und 1984).

Aus verschiedenen Gründen musste die Veranstaltung 1986 bis 1988 ausfallen. Seit 1989 ist Gert Schlarbaum, heute Abteilungsleiter Leichtathletik beim ESV Lok Seddin, der Veranstaltungsleiter. Auf der Grünheider Strecke kam 1990 das Aus.

Ab 1992 hat das Bundesleistungszentrum (BLZ) in Kienbaum dem Lauf ein festes Zuhause gegeben. Das sind natürlich optimale Bedingungen für die Durchführung eines Laufs der „kurzen Wege“. Unterbringung und Verpflegung von Athleten und Betreuern erfolgt für relativ günstiges Geld in der weitläufigen Anlage des BLZ. Die zu bewältigende Strecke ist ein 5 km-Rundkurs, relativ windgeschützt und ohne wesentliche Höhenunterschiede. Start und Ziel liegen im hinteren Teil der Anlage, auch Kienbaum II genannt. Es geht größtenteils durch Wald und außer einer winzigen Traileinlage, auf Asphalt. 2004, 2007 und 2008 wurden hier bereits die deutschen Meisterschaften ausgetragen. Den bestehenden Streckenrekord von 6:47:42 lief Dr. Dr. Lutz Aderhold im Jahr 1996. Bei den Frauen sorgte Birgit Schönherr-Hölscher 2007 für die Bestleistung von 7:52:11 h.

2009 erhielt der Veranstalter von der Deutschen Ultramarathon Vereinigung eV das IAU Bronze Label als Anerkennung verliehen. Mit 221 Zieleinläufen über die lange Distanz hatte die Veranstaltung 2004 ihren Höhepunkt.

In diesem Jahr sind für die deutschen Meisterschaften 120 Starter gemeldet. Dazu kommen noch 26 Läufer des offenen Wettbewerbs, 27 Läufer, welche die 50 km gemeldet haben und einige Staffeln.

 
© marathon4you.de 22 Bilder

Gestartet wird um 6 Uhr 30. Der Start ist direkt am Waldrand. Nach einer scharfen Linkskurve geht es an der Verpflegungsstation vorbei. Daran angeschlossen ist der Bereich für die Eigenverpflegung. Hier stehen die Betreuer der Athleten und feuern uns an. Ein Schild markiert das Ende der Eigenverpflegungszone. Der Weg führt schnurgerade aus. Nur ein leichter Links- Rechts-Schlenker unterbricht die Gerade. Dann ist das km 1 Schild erreicht.

Wir verlassen den Wald. Jetzt biegen wir vom Hauptweg nach rechts ab. Es folgt eine kleine Steigung und wieder eine Rechtskurve. Hier verläuft die 2500 m lange Bitumenrundbahn, der wir zunächst nach rechts folgen. Wir laufen jetzt quasi wieder parallel zurück in den Wald. Durch eine leichte Linkskurve kann man diesen Streckenabschnitt nicht ganz einsehen. Plötzlich geht es scharf links. Wir verlassen die Rundbahn und die kleine Trailpassage beginnt. Es handelt sich um einen breiten Weg aus wunderbar weichem, von Kiefernadeln bedecktem Waldboden. Ein paar hervorstehende Wurzeln sind mit weißer Farbe kenntlich gemacht. Kurz hinter dem km 2 Schild und einer weiteren Linkskurve haben wir die Rundbahn wieder erreicht und festen Asphalt unter den Füßen.

Eine lange Gerade folgt. Wir verlassen den Wald abermals. Hinter einer langgezogenen Linkskurve treffen wir auf das Begegnungsstück (am Anfang kam uns noch niemand entgegen) und gleichzeitig verlassen wir die Rundbahn. Die kleine Steigung von vorhin wird jetzt zum Gefälle.

Km 3. Nach links hin ist abgesperrt, sonst könnte man hier elegant von km 1 nach km 3 abkürzen. Wir sind wieder auf dem Hauptweg und laufen aber nach rechts weiter. Unmerklich verlassen wir das Gelände des BLZ. Auf der rechten Straßenseite stehen ein paar villenähnliche Häuser mit großen Gärten. Es geht in einer langen Linkskurve bergab und dann auf eine öffentliche Straße. Diese ist halbseitig für Autos gesperrt. Dann geht es links durch das Haupttor des BLZ, am Pförtnerhaus vorbei. Dieser Teil der Strecke ist uns bereits vom Vortag bekannt. Rechts liegt das Tagungsgebäude mit Speisesaal und anschließend der Pavillon, in dem Norbert und ich untergebracht sind. Wir müssen nur noch geradeaus. Links sind weitläufige Sportanlagen, rechts liegt der idyllische Liebenberger See mit der Trainingsstrecke für die Kanuten.

Km 4. Hier befindet sich das Werferhaus, dessen Toilette heute als Wettkampftoilette benutzt werden kann. Es folgt eine Rechts-Links-Kombination und der Asphalt geht in eine Betonstraße über. Man kann den Athleten-Wohnblock schon sehen. Dort angekommen, geht es scharf links, scharf rechts, das Ziel ist in Sicht. Man muss aber noch in entgegengesetzter Richtung eine kleine Runde drehen.

Die Zeitmessung mittels Beinchip hält jede gelaufene Runde fest. Der versierte Sprecher ruft die vorbeikommenden Athleten auf und weiß viel über deren Erfolge zu berichten.

Die Runde hat genau 5 km Länge. Für 100 km sind also 20 Runden zu bewältigen.

Norbert hat mich die erste Runde begleitet. Nun muss auch er sein Tempo finden und läuft davon. Ich schau mir mal von weitem die Verpflegung an. Oh - es gibt Haferschleim. Mein Tag ist gerettet. Ab km 20 bediene ich mich regelmäßig. Vorher ist es wichtiger, häufig zu trinken. Gott sei Dank ist es nicht warm. Bei der zweistelligen Temperatur-Vorhersage hatte ich schon die größten Befürchtungen. Aber im Moment hat es noch keine 10 °C und es ist bewölkt.

In der dritten Runde werde ich von Schnelleren überholt. Sind das Staffelläufer, oder ist da schon einer der führenden Einzelläufer dabei? Auf jeden Fall kommen Jörg Hoos und Michael Sommer, beides Anwärter auf den Sieg, im einträchtigen Plausch vorbei. Wahrscheinlich muss man es locker angehen, um diese Strapazen zu meistern.

 
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Branka Hajek kommt vorbeigeschossen. Im Verlauf des Rennens höre ich aber, dass Pamela Veith vorne ist. Ansonsten ist das Rennen unübersichtlich. Ich werde ständig überholt. Dirk klopft mir jedes Mal (und das ist ganz schön oft) auf die Schulter und muntert mich auf. Jürgen hat auch immer ein freundliches Wort (er wird wieder Gesamtfünfter), Andi und die anderen, die wir gestern noch kennengelernt haben, nicken oder lachen im Vorbeiflitzen. Ich hab ein nettes Gespräch mit Daniela, die es auch nicht so eilig hat. Mittlerweile ist das Feld stark auseinander gezogen. Man merkt das aber nur im Zielbereich, wenn die Rundenanzahl für jeden Läufer angesagt wird.

Nach vier Stunden fängt es plötzlich an zu regnen. Wobei Regen hier untertrieben ist: Der Himmel öffnet seine Schleusen und in kürzester Zeit bin ich pitschnass. Klasse, gerade jetzt wollte ich doch eine längere Pause machen. Bis ich den Bereich der Eigenverpflegung erreiche, hat es schon wieder aufgehört zu regnen. Ich ziehe meine bereitgelegte Regenjacke über und wechsle die Schuhe. Von zuhause hab ich Nudeln mit Tomatensoße mitgebracht. Ich setzte mich gemütlich auf meinen Hocker und esse etwas davon. 10 Minuten hab ich für diese Pause eingeplant.

In der nächsten Runde kommt Norbert von hinten. Ich bin schon 10 Minuten besser als mein Plan und entsprechend gut gelaunt.

Über die 50 km gehe ich in meiner zweitbesten 50 km Zeit. Nach 12 Runden und 6:56 laufe ich gleichzeitig mit dem Sieger über die Ziellinie. Nur ist Andre Collet fertig und ich hab noch 8 Runden. Hey, nur noch 8 Runden. Ein schlapper Marathon und bis Zielschluss ist noch 6 Stunden Zeit. Das muss einfach reichen! Ich mach Pause wie vorgesehen und esse wieder meine Nudeln. Norbert kommt auch. Er hat schon 70 km.

Ich bin müde. Trotzdem klappt das Laufen besser als erwartet. In jeder Runde mache ich gegenüber meinem Plan Zeit gut.

Bei 8:10 ist Pamela Veith als erste Frau im Ziel, ich bin gleichzeitig bei km 70. Eine Runde später sind es für mich nur noch 5 Runden (hört sich viel besser an als noch 25 Kilometer!).

Ich hab jetzt auch schon Läufer überholt. Die meisten sind mir allerdings Runden voraus. Einige müssen jetzt gehen und kämpfen sich mühsam von Kilometer zu Kilometer. Franz Feller, Jahrgang 1938, zieht unermüdlich seine Kreise. Er ist der einzige Läufer, der bei allen deutschen Meisterschaften dabei war. Zig Mal lief er „unter acht“ auf 100 km, zuletzt eine 8:23 h als 60jähriger, womit er den bis heute gültigen Altersklassen-Weltrekord auf der Bahn aufstellte.

Ich mache seit km 40 definierte Gehpausen. Nicht weil ich nicht mehr laufen kann, sondern um die Muskulatur zu entspannen. Auch nach meinen Sitzpausen geht es für eine Runde wieder besser. Zwischendurch kommt die Sonne raus. Gleich wird es unangenehm warm. Ich überlege, mein Langarmshirt auszuziehen. Dann kommen Wolken und es nieselt wieder ein bisschen. Also lass ich alles beim Alten. Überhaupt ist es zwischendurch ziemlich windig. Besonders auf dem letzten Stück vor dem Ziel fegt einen eine steife Priese entgegen.

Die Helferin am VP fragt mich, wie viele Runden ich noch laufen muss. Glücklich teile ich mit, dass es nur noch 4 sind. Ihr erschrecktes Gesicht macht mir klar, dass das noch 20 Kilometer also über 2 Stunden Laufzeit sind. Diesen Gedanken schiebe ich lieber sofort wieder weg. In der nächsten Runde freuen sich die Helfer dafür mit mir und beglückwünschen mich zu den bereits geleisteten Anstrengungen.

Seit der 2. Runde ist bei km 3 eine zusätzliche VP eingerichtet. Dort gibt es von Zeit zu Zeit Kaffee. Einmal schaffe ich es tatsächlich rechtzeitig dort zu sein. Diese Minute nehme ich mir einfach. Danach geht es gleich viel besser.

Bei einer Laufzeit von 10:41 hab ich noch 2 Runden. Kurz vor mir ist Norbert an der Spitze einer ganzen Gruppe ins Ziel eingelaufen. Das war noch ein harter Kampf für Ihn auf den letzten Kilometern. Ich kann mich aber nicht aufhalten. Von der Zeit her könnte es noch für ein Finish unter 12 Stunden reichen. Bloß nicht übermütig werden. Laufen geht immer noch gut. Mir tut nichts besonders weh (außer Füße, Beine, Hüfte, Schultern). Aber keine Knie- oder Achilles Beschwerden, keine Übelkeit oder sonst irgendetwas Schlimmes.

Meine letzte Runde beginne ich bei 11:18 und mit dem sehnlich erwarteten Glockensignal. Jetzt wird es einsam. Beim Begegnungsstück sehe ich noch 3 Läufer, die hier 2 km vor mir sind. Die letzten 3 Kilometer bin ich allein. Obwohl - das stimmt nicht ganz. Auf dem letzten Kilometer sind eine Menge Leute unterwegs. J e d e r klatscht und feuert mich lautstark an. Eine Gruppe Jugendlicher ist besonders motiviert. Das ist wie auf Wolken laufen.

Im Ziel ist nicht mehr viel los. Norbert erwartet mich, der Sprecher sagt mich an. Fertig!!!!!!!!!!!

Wir haben es beide geschafft. Ich bin so erledigt, dass die Freude zunächst ausbleibt. Wir besuchen noch ein letztes Mal die VP. Norbert hat meine Eigenverpflegung bereits eingepackt.

Mit schweren Beinen und unter dem Beifall der Anwesenden machen wir uns auf den Weg zu unserem Auto. Das haben wir bereits gestern hier abgestellt, und so können wir zum Speisesaal in der Nähe der Pforte fahren. Unterwegs applaudieren wir natürlich den noch im Rennen befindlichen entgegenkommenden Läufern.

Für ein besonderes Highlight sorgte die für den PSB 24 Berlin startende Regina Vollbrecht. Mit ihrem Laufbegleiter Ralf Milke erzielte Sie mit 9:47:01 Std eine deutsche Bestleistung für blinde Läuferinnen. Nebenbei errang sie damit den 1.Platz in der AK W 35 und platzierte sich als 12. im guten Mittelfeld. Bemerkenswert neben der Leistung von Regina war dabei auch die von Ralf: er lief ebenso wie sie erstmals 100 km, also doppeltes Neuland.

Nach dem gemeinsamen Athleten-Essen geht es zur Siegerehrung und dann ins nahe Bett. Dieser Komfort ist heute Gold wert.

Der 100er von Kienbaum gilt zu Recht als Klassiker. Professionelle Organisation und familiäres Ambiente führen dazu, dass man sich rundherum wohl fühlt. Einzig die Streckenverpflegung wurde von einigen Athleten als ausbaufähig bezeichnet. Die optimale Infrastruktur mit schöner kurzweiliger Strecke lassen ansonsten keine Wünsche offen. Besonders bei deutschen Meisterschaften wird großer Sport hautnah geboten.

 

Ergebnisse
Deutsche Meisterschaften 100 km Lauf

 

Männer

1 COLLET, Andre Aachener TG NO 33 06:56:22
2 HEINER, Hans-Jörg SG Wenden WE 94 06:59:42
3 SOMMER, Michael Eichenkreuz Schwaikheim WÜ 84 07:08:17

Frauen

1 VEITH, Pamela TSV Kusterdingen WÜ 49 08:10:53
2 HAJEK, Branka LAZ Salamander Kornwestheim-LB WÜ 92 08:25:41
3 MALLMANN, Barbara Laufarena Allgäu BY 111 08:36:10

 

50 km Lauf

 

Männer

1 Preibisch, Ralf Olympia Halsteren NL 184 03:16:45
2 Stoek, Holger LAV Halensia DE 188 03:25:54
3 Eppelsheimer, Sven A3K Berlin DE 192 03:33:21

Frauen

1 Belau, Monika Harburger SC DE 174 04:25:25
2 Zebisch, Evelyn TSV Neuried DE 190 06:23:35
3 Koschwitz, Silvia Berliner Seehunde DE 180 11:19:29

 

 

Informationen: 100 km Kienbaum
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